Zwangserkrankungen - Waschzwang, Kontrollzwänge u.ä.

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Zwangserkrankungen - Waschzwang, Kontrollzwänge u.ä.

Beitragvon Haderlumpin » 23. Okt 2008 - 12:00


Zunächst zum Krankheitsbild:

Eine genaue Definition ist nicht ganz einfach. Zwanghaftes Verhalten kann bestehen, ohne, dass es den Betroffenen in seinem Alltag einengt und stört - ob man dann von einer Zwangserkrankung sprechen sollte, ist fraglich. Deshalb wird meist erst dann von einer Zwangserkrankung oder -störung gesprochen, wenn die Betroffenen unter ihrem Verhalten leiden.

Die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. schreibt dazu auf ihrer Seite: "Je stärker das zwanghafte Verhalten von dem sonst üblichen Verhalten abweicht und je mehr es den Betroffenen in seinem alltäglichen Leben behindert und einengt, um so eher wird man von einer Störung oder Erkrankung sprechen."

Was ist nun zwanghaftes Verhalten genau?

Zu den bekanntesten und am weitesten verbreiteten Zwangsstörungen gehören Wasch- und Kontrollzwänge. Waschzwänge äußern sich z.B. durch exzessives Händewaschen, besonders nach Berührung vermeintlich "schmutziger" Gegenstände oder nach dem Aufenthalt in der Öffentlichkeit.
Menschen, die unter Kontrollzwängen leiden, kontrollieren z.B. immer wieder, ob die Haustür abgeschlossen ist oder die Herdplatten und das Licht aus sind.

Beide Zwänge können die Betroffenen soweit kontrollieren, dass sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen können. Grade diese Extremfälle gehen in letzter Zeit durch die Medien. Selbstverständlich gilt das aber nicht für alle Zwangserkrankten. Die Ausprägungen sind sehr unterschiedlich.

Die oben genannten Zwangsstörungen sind nur die bekanntesten und als Beispiel gut geeignet, da man sie relativ leicht umschreiben kann. Es gibt noch unzählige andere Beispiele, die teilweise sehr kurios anmuten. Zwänge können auch das Leseverhalten eines Menschen einnehmen, so dass der Betroffene Bücher nur noch rückwärts lesen kann. Andere können an keiner Straßenlaterne vorrübergehen, ohne dreimal um sie herum zu laufen und dabei zu pfeifen. Wie sich das zwanghafte Verhalten äußert, ist sehr individuell.

Das ist jetzt nur ein ganz kleiner Überblick. Viele Informationen findet man z.B. hier:
http://www.zwaenge.de/
Unter "Diagnose" ist sehr ausführlich beschrieben, wie sich solches Verhalten entwickeln kann und auch die ICD-10 Kriterien sind aufgelistet. Darüber hinaus gibt es auch Hilfe für Betroffene..

Hilfe bekommt man auch hier:
http://forum.zwangserkrankungen.de/
Ein großes Forum mit sehr freundlicher Atmosphäre..

Ich bin selbst betroffen, habe einen Waschzwang und immer wieder Gedankenzwänge, komme aber zur Zeit gut damit zurecht. :freu: Vielleicht kann ich später auch noch ein bisschen mehr aus meiner Perspektive dazu sagen. Aber erstmal wollte ich das Thema allgemein anschneiden und euch fragen, ob ihr betroffen seid, Angehörige habt, die betroffen sind oder ihr euch aus anderen Gründen schon einmal damit beschäftigt habt, durch die Medien darauf aufmerksam wurdet usw.!

Liebe Grüße
"Dass das Leben Höhen und Tiefen kennt, weiß auch der moderne Mensch, aber in seinen Augen kommt eigentlich nur den Höhen ein Recht auf Existenz zu, die Tiefen haben es verwirkt, ihnen droht die Höchststrafe der Moderne, die Abschaffung und Entsorgung." (Wilhelm Schmid)
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Beitragvon Mike » 23. Okt 2008 - 15:18


Ja, diese Zwänge kenne ich auch, wenn auch nicht ganz so extrem. Ich hab das Problem, dass ich mir immer die Hände waschen muss, wenn ich irgendwas "dreckiges" anglangt hab. Das hatte ich schon als Kind, hättet mich Mal im Sandkasten sehen sollen... ich konnte und kann das partout nicht ab, wenn meine Hände dreckig sind. Wobei es bei mir jetzt nicht soweit geht, dass ich jedes Mal, wenn ich ne Türklinke berühre, mir die Hände waschen muss... solche Leute soll es auch geben. Und denen gehts da wesentlich schlimmer.

Eine weitere Eigenheit könnte man schon fast als Zwang bezeichnen: Wenn ich höre, wie ne Autotüre zugeschlagen wird, schau ich automatisch aus dem Fenster. Dazu muss ich erwähnen, dass mein PC neben dem Wohnzimmerfenster steht, und wenn ich den Kopf drehe sehe ich direkt auf die Straße runter. Mag nicht so schlimm sein, denkt ihr, weil so viele Autotüren werden da nicht zugeschlagen. Tja, ich wohn gegenüber von ner Feuerwehr - muss ich mehr sagen? ;-)
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Beitragvon Hagazussa » 23. Okt 2008 - 21:26


Da stellt sich mir eine Frage. :gruebl:

Ab wann ist so ein Zwang krankhaft?

Ich hab z.B. so ein kleines Problem mit meinem Hausschlüssel und meinem Portomonai.
Mehrmals über den Tag verteilt muß ich schauen, ob ich beide Sachen auch noch habe und sie nicht irgendwo vergessen/verloren habe.

Es gibt aber auch Tage, da gucke ich gar nicht nach.

Kann man da schon von einem eventuellen Zwang sprechen, oder ist das einfach nur 'ne "Macke"?
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Beitragvon Haderlumpin » 23. Okt 2008 - 22:21


Wie gesagt, entscheidend ist, ob es dich einschränkt, dir deinen Alltag erschwert und ob du darunter leidest. Das scheint ja nicht der Fall zu sein. Diese "Kontrollgriffe" nach den Wertsachen sind glaube ich ziemlich normal und machen ja auch wirklich Sinn. :)
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Beitragvon Hagazussa » 23. Okt 2008 - 23:13


Nun ja, wirklich leiden, das könnte ich nicht sagen.
Dann wird es wohl noch im "Rahmen" liegen. :P

Es gibt aber auch Kontrollzwänge, wobei andere Menschen automatisch mitbetroffen sind. Und auch darunter leiden....

Ich kenne einen Menschen, der versucht sein indirektes Umfeld zu kontrollieren.
Alles muß so sein, wie dieser Mensch es will.

Falls das nicht so ist, wird er/sie ziemlich ungehalten....

Anfangs habe ich versucht, darauf einzugehen, weil ich keinen Streit wollte.
Und dachte: Ok, jeder ist anders....

Aber irgendwann war mir das zu doof, das ich immer den "unteren" Weg gehen mußte, um mit diesem Mensch klar zu kommen.
Dazu war mir letztlich mein "Selbstwertgefühl" zu wichtig.

Ich muß zwar mit diesem Menschen irgendwie auskommen, aber ich mache jetzt das, was ich für richtig halte und es scheint auch irgendwie angekommen zu sein.
Oder auch nicht, aber ist mir mittlerweile egal....

Ich wollte nur damit sagen, das ein "Krontrollzwang", glaub ich, ziemlich schlimm ist.
Wenn man sein Umfeld kontrollieren will, nur um seine eigene Sicherheit zu finden oder zu haben....

Oder aber um seine "Unsicherheit" zu überspielen.
Um einen gewissen "Halt" zu haben....

Da frag ich mich: Was ist da geschehen, was ist da falsch gelaufen...oder wie entsteht so etwas... :gruebl:
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Beitragvon Svart-Vinter » 24. Okt 2008 - 07:11


Ich finde das sehr mutig von Haderlumpin, dass Problem offen zu zugeben.

Mir stellt sich die Frage woher solche Zwänge kommen?

Im Bekanntenkreis kenne ich auch einen Betroffenen, der einen Kontrollzwang hat und sicherlich auch noch ein paar mehr,
aber der Genannte fällt wohl auch so offensichtlich auf.
Er kann z.B. nicht bei irgend jemanden im Auto mitfahren, da er Angst hat, die Kontrolle zu verlieren, er muss wenn dann das Auto selber fahren.
Von seiner Partnerin weiß ich außerdem noch, dass er den Zwang hat, alles in Reih und Glied zu stellen.
Es muss mal so schlimm gewesen sein, dass er mit dem Zollstock die Abstände zwischen Dekoartikeln gemessen hat
und wenn da irgendwas ein wenig verrückt war, ist er richtig sauer geworden.

Bei ihm entstanden die Zwänge in der Kindheit, seine Mutter ist genau so und dieses Verhalten hat sich auf ihn abgefärbt.

Ich denke mal, dass der Grund für dieses Verhalten auch ausschlaggebend ist, ob es sich nun wirklich um einen Zwang oder einfach eine Macke handelt.

In der Vergangenheit ist es mir schon öfters passiert, dass ich meinen Wohnungsschlüssel von innen in der Tür stecken ließ
und das letzte mal war das Erlebnis so einschneidend, dass ich jetzt immer befürchte, dass es mir noch mal passiert, da ich weiß,
dass ich dann hier nicht mehr so einfach rein komme in die Wohnung.
Trotzdem bin ich zwischendurch nochmal ziemlich schusselig und alles passiert ganz routiniert.

Ich gehe in Gedanken raus und ziehe den Schlüssel vorher ab und dann ist es als würde ein Stein auf mich fallen und die Angst überkommt mich,
ob der Schlüssel nun da ist oder nicht.

Wegen den paar Erlebnissen schaue ich egal wo ich hingehe, nachdem ich die Wohnung verlassen habe nach meinem Schlüssel
und dann noch mal wenn ich am Ziel angekommen bin und wenn ich es wieder verlasse um nach Hause zu gehen.
Als Zwang würde ich das aber nicht bezeichnen, sondern viel mehr als Angst, ich müsste mir die Blöße geben,
dann den Hausmeister anzurufen um ihm zu sagen, dass ich den Schlüssel wieder stecken lassen habe.

Unter den Links von Haderlumpin steht auch, dass es ganz normale Alltagszwänge gibt.


Viele Grüße.
...und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben...
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Beitragvon Mike » 24. Okt 2008 - 09:10


Interessant find ich auch die "Macke" - als Zwang würd ichs nicht direkt bezeichnen - von Kindern, dass sie auf nem Fliesenboden nur auf jede zweite Fliese treten oder gewissen geometrischen Figuren auf den Fliesen folgen. Das war bei mir als Kind besonders stark... entweder jede zweite, oder nur die Fliesen diagonal oder wie ein Pferd beim Schach, nur die Fliese zwei vor und eins nach rechts oder links. Zum Glück hatten wir keinen Mosaik-Boden :D :D
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Beitragvon Haderlumpin » 24. Okt 2008 - 12:50


@Hagazussa: Das klingt sehr extrem und narzisstisch. Wahrscheinlich spielt da neben dem Kontrollzwang noch eine ganze Menge mehr mit hinein? Mir fällt nur auf - wobei ich mich da auch nur auf oberflächliche Beobachtungen stützen kann - dass die meisten Zwänge sehr persönlich sind und sich wenig auf andere Menschen beziehen...deswegen die Vermutung, dass bei diesem Menschen nicht nur typische Zwänge, sondern noch andere Persönlichkeitsstrukturen eine Rolle spielen.

Auf jedenfall eine gute und mutige Entscheidung, sich auf diese Kontrolle nicht einzulassen! :)

@Sao & Mike: Dieser Perfektionismus was Deko, Fließen oder allgemein Gegenstände angeht ist ja auch sehr verbreitet. Was ich bisher aus den Geschichten von Betroffenen herauslesen konnte war, dass dieses Verhalten mit einem "Unvollkommenheitsgefühl" zusammenhängt, das sich auch in echtem Unwohlsein zeigt. Ich glaube es ist genau dieses Gefühl, das man vielleicht sogar generell als Antrieb für zwanghaftes Verhalten ansehen könnte. Es ist nur eine Vemutung, in unterschiedlichen Facetten scheint es aber bei nahezu jedem Betroffenen aufzutreten. Das kann die Lage von Gegenständen betreffen, dazu führen, dass diese in exaktem Abstand voneinander aufgebaut werden müssen. Bei anderen führt es dazu, dass sie z.B. nur noch Sätze mit einer geraden Anzahl von Worten aussprechen können (wenn ein Satz dieses Kriterium nicht erfüllt, wird nur um der Vollständigkeit halber ein Wort angehängt) oder nur jede zweite Treppenstufe/Fließe betreten können. Und bei Waschzwängen äußert sich das ganze dann vllt. eher in einem Unreinheitsgefühl, wobei glaube ich auch dabei ein stückweit das "Abschließen müssen des Rituals 'Händewaschen'" mit hineinspielt. Also auch wieder der Zwang, eine "Unvollkommenheit ins Reine zu bringen". :gruebl: Ihr bringt mich auf tolle neue Gedanken!

Zum Schlüssel-Erlebnis: Genau.. dieser Schreck und die Kontrolle danach sind ja recht alltägliche Situationen, eigentlich nichts schlimmes. Es bleibt normalerweise bei einem recht erträglichen Alltagszwang, man ist sozusagen einfach etwas vorsichtiger danach und hat so seine kleinen Rituale. :) Bei jemandem mit Hang zu zwanghaftem Verhalten kann so eine Situation wiederum Auslöser für einen neuen Zwang sein.

Ich erwische mich auch immer wieder dabei, wie mich solche Situationen "reizen"...also im Sinne von "Zwänge auslösen". Aber meistens lässt sich das ganz gut eindämmen, vielleicht auch weil ich mich in anderen Bereichen schon gut austobe.

Und eins muss ich ja sagen: Das zwanghafte Verhalten hat auch einen positiven Effekt, denn ich halte mich zwanghaft an eine ordentliche Schreibe. :oops:
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Beitragvon Yodingo » 26. Okt 2008 - 21:15


Meine Mutter hat einen Waschzwang, der stark mit einem Kontrollzwang verbunden ist.., das heißt vor allem, ich muss mir jeden Tag die Hände 2-3 mal gründlich waschen, wenn ich von draußen komme und sie steht direkt daneben..
Und da gibts noch ne ganze Reihe anderer Dinge, die ich nicht anfassen, einatmen oder essen darf, weil es mit irgendetwas kontaminiert ist, wie Essen auf der Tankstelle oder fremde Autos nur berühren, überhaupt alles, was nicht vollkommen durchschaubar sauber ist..
Allerdings ist sie von diesen Sachen überzeugt und informiert sich auch darüber. Da heutzutage alles krebsfördernd ist, schränkt der Zwang jede Lebenssituation ein.
Als direkter Beteiligter hat man es auch sehr schwer, vor allem, wenn die zwanghafte Person hysterisch wird und dazu noch die Autoritätsperson ist..
Und langsam beginne ich auch von allein so zu leben und zu denken. Ihr Zwang ist vor allem stark, wenn sie gestresst oder unzufrieden ist.
Mittlerweile ist das Alltag, aber wenn ich darüber nachdenke, dann hab ich schon die "Arschkarte"..:?
Außerdem, darf das natürlich keiner wissen (kein Nachbar, Freund oder früher sogar die Familie), weswegen ich Redebedarf hatte.. :oops:

Man sollte sich jedenfalls nicht für seinen Zwang schämen, oder wie seht ihr das?
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Beitragvon Hagazussa » 31. Okt 2008 - 20:52


Nun ja, ich denke schämen sollte man sich nicht.

Ich würde dir raten, das du dir proffesionelle Hilfe suchst.
So, wie ich deinen Post verstanden habe, scheinst du ja unter dem Zwang deiner Mutter, sehr zu leiden.

Und du fängst sogar schon an, diese Zwänge "mitzuleben".
Spätestens da, sollten bei dir die Alarmglocken klingeln.

Ob deine Mutter Hilfe möchte bzw. in Ihren Augen braucht, muß sie letztendlich selber entscheiden.

Keine einfache Situation....

Liebe Grüße
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