Verhalten wider der Überzeugung

Forum: Philosophische Psychologie


Wie funktioniert die Psyche des Menschen? Was bestimmt unser Verhalten und unsere Handlungen?




Verhalten wider der Überzeugung

Beitragvon Mike » 29. Jan 2009 - 00:23


Kennt ihr das - ihr seid von etwas überzeugt, ihr seid der festen Meinung, dass etwas so ist, wie ihr denkt, und dass es sich auch immer so verhält - und ihr handelt dennoch anders, als ihr es für richtig hält?

Beispiel: Ihr seid überzeugt davon, dass es sinnlos ist, andere Menschen zu hassen, da im Grunde genommen in jedem Menschen der götttliche Funke brennt und da ihr seht, dass die Menschen, die ihr hassen solltet, selbst Probleme haben, mit denen sie erst klar kommen müssen. Ihr seht, dass ihr eigentlich "höher" steht, als diese Menschen. Ihr erkennt deren Probleme und seht, dass die Probleme nur menschlich sind.

Und jetzt das große fete Aber: ABER trotz dieser Erkenntnis kocht in euch dennoch das Gefühl der Enttäuschung und des Hasses über solche Menschen. Ihr wisst zwar, dass sie auf einem niedereren Erkenntnisstand sind und manche Dinge erst lernen müssen, die ihr schon längst gelernt habt - aber dennoch blickt ihr verachtend und hassend auf solche Menschen herab.

Ich frage mich immer, woher dieser Gedanke, diese Gefühlsregung kommt? Woher kommt die Verachtung für die Fehler der Menschen, obwohl man doch genau weiß, woher diese Fehler stammen und obwohl man weiß, dass man diese Fehler auch selbst erst analysieren und beseitigen musste, egal ob in diesem oder einem vorherigen Leben.

Mir geht es z.B. im Moment wieder so, dass ich mich zuknall mit Musik, die mich nur runterzieht, weil dies im jetzigen Moment genau die Stimmung ist, die ich genießen und auskosten WILL - und das alles obwohl ich weiß, dass diese Stimmung für meine Entwicklung genau entgegengesetzt ist. Woher kommt also dieser Selbst-Vernichtungs-Drang?
Der Stolz des Philosophen erstarb in mir; der Schmerz des Menschen gewann die Oberhand und das kommende Licht der Sonne erfüllte mich mit Mutlosigkeit.
Mike

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Verhalten wider der Überzeugung

Beitragvon Haderlumpin » 29. Jan 2009 - 01:13


Ich glaube, jeder Mensch hat einen Punkt, an dem das Emotionale die Ratio besiegt. So kann man wohl mit einer gewissen Weitsicht allen Menschen großzügig ihre Fehler verzeihen. Dazu gehört, dass man versucht, nachzuvollziehen was zu diesen Fehlern geführt hat und dass man akzeptiert, dass es so geschehen ist und nicht anders. Nur wird das natürlich sehr schwer, sobald man persönlich davon betroffen ist, man z.B. großen Schaden davon trägt, ob körperlicher oder seelischer Art oder wenn diese Fehler die eigenen Prinzipien sehr verletzen.

Ich denke, in diesem Moment ist es auch gar nicht falsch wütend zu sein und nicht direkt abzublocken mit dem Anspruch an sich selbst, alles mit reinem Verständnis und von "oben" sehen zu müssen. Ich dachte auch lange Zeit, dass zur Reifung auch eine vermehrte Abweisung von zu extremen Gefühlsregungen gehört, doch ich denke, das ist nicht ganz richtig. Es ist wichtig, auch zu extremen Emotionen fähig zu bleiben und sie erleben zu können. Selbstverständlich soll das kein Freischein für unüberlegte Reaktionen sein. Es gehört auch dazu, mit diesen heftigen emotionalen Reaktionen auf lange Sicht konstruktiv umzugehen.

Da wären wir nun beim Hass; nach meinem Verständnis ist Hass die Verlängerung von Wut, quasi die chronische Form. Vielleicht nicht so akut, dafür aber auf lange Sicht umso zermürbender. Und da gebe ich dir recht, es ist sinnlos, zu hassen. Denn Hass ist keine extreme emotionale Regung, die situationsbedingt angemessen wäre und Erleichterung verschafft. Im Gegenteil, sie raubt besonders dem Hassenden selbst Energie und kann seine Entwicklung hemmen.

Aus diesem Grund ist es wohl sinnvoll, einen Weg zu finden, sich akute extreme Emotionen einzugestehen und sie für den Moment zuzulassen, sie aber nicht zu einer chronischen Form werden zu lassen. Dabei hilft sicherlich, sich nach der ersten Welle der Emotionen klarzumachen, was genau diese ausgelöst hat und wie man in Zukunft seinen Frieden damit schließen kann.

Zu der "Auskostung der negativen Stimmung": Ich weiß nicht genau, um welche Stimmung es geht. Ob du grade mit Hassgefühlen gegenüber anderen kämpfst und das durch Musik verstärkst - da wäre dann ja ein Bezug zu dem, was oben steht da. Oder ob du generell so eine Art Tief hast, das du grade "genießt". Denn 'Selbstvernichtungs-Drang' klingt ja nicht unbedingt nach dem Hassproblem von oben. Wenns um letzteres geht, kann ich nur auf meine Signatur verweisen. :)

Dass das Leben Höhen und Tiefen kennt, weiß auch der moderne Mensch, aber in seinen Augen kommt eigentlich nur den Höhen ein Recht auf Existenz zu, die Tiefen haben es verwirkt, ihnen droht die Höchststrafe der Moderne, die Abschaffung und Entsorgung." (Wilhelm Schmid)

Ich finde, es ist nichts gegen Tiefen und deren "Auskostung" zu sagen. Ich lerne aus ihnen in vielen Fällen mehr als aus Höhenflügen. Aber grade dieses "sich den Tiefen" hingeben ist so problematisch geworden in unserer Zeit, in der jeder nach ein bisschen 'Glück' jagt. Man traut sich irgendwie nicht mehr so recht mal "unten zu sein" und vom eigenen Pfad abzukommen. Warum eigentlich? Ist uns dieses "ich muss mein Glück finden und darf nicht vom eingeschlagenen Weg abkommen" so eingeimpft?
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Beitragvon Svart-Vinter » 29. Jan 2009 - 16:23


Haderlumpin hat geschrieben:Man traut sich irgendwie nicht mehr so recht mal "unten zu sein" und vom eigenen Pfad abzukommen


Das stimmt definitiv, zumindest was meine Person betrifft.

Manchmal kommt der Wunsch in solchen Situationen auf, sich einfach mal hängen zu lassen.
Mich kotzt es oft an, einfach zu funktionieren, aber ich weiß nur zu gut, was passiert wenn ich mich hängen lasse,
deshalb verhindere ich das wie es nur geht.

Es zieht einfach zu viele negative Dinge mit sich, wenn man sich mal für ein paar Wochen oder Tage oder gar Monate hängen lässt.
Aber man kann einen Mittelweg finden.

Haderlumpin hat geschrieben:Denn Hass ist keine extreme emotionale Regung



Ich denke, Hass ist eine der stärksten emotionalen Regungen die es gibt, richtiger Hass ist wie das Gefühl der Liebe;
kaum bis gar nicht beherrschbar, es schleicht sich ein und macht mit Dir was es will.
In dem Moment setzt das Gefühl einem die rosarote Brille auf, es macht blind und ohnmächtig.

Wäre das Gefühl der Liebe oder des Hasses beherrschbar, dann könnten wir das Auftreten dieser Emotion ganz verhindern.

________________________________________________________________

Rosarote Brille nennen wir umgangssprachlich eine Blindheit oder besser eine Fehlsichtigkeit, die uns hindert,
die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie tatsächlich ist.
Die Wirkung ist vergleichbar mit derjenigen von Mauern in den Köpfen.

Stellen wir uns einmal einen Mann vor, der ohne offensichtlichen Grund plötzlich verhaftet und in ein Gefängnis gebracht wird.
Auch dort sagt man ihm nichts - und hungern lässt man ihn auch noch.
Nur abends bekommt er eine Suppe hingestellt, wobei ihm jedoch der Wärter zuflüstert, dass diese vergiftet sei.

Darauf glaubt unser Freund dem Wärter und isst die Suppe nicht - wird jedoch immer hungriger.

Am nächsten Tag wiederholt sich alles, er bekommt wieder eine angeblich vergiftete Suppe hingestellt -
auch hier weigert sich noch unser Freund zu essen.
Doch er wird immer hungriger und überlegt krampfhaft, ob man ihn nun weniger durch Vergiften als mehr durch Verhungern umbringen will.
Und als am dritten Tag wieder die Suppe kommt, ist er zu der Erkenntnis gelangt, dass man ihn nur testen will,
wie weit er sich beeindrucken lässt und die Suppe in Wirklichkeit überhaupt nicht vergiftet ist - und er isst die Suppe!

Das Gefühl - hier der immer drängendere Hunger - hatte sozusagen für eine rosarote Brille gesorgt und seinen Verstand ausgetrickst.

(Es spielt hier keine Rolle, ob die Suppe nun tatsächlich vergiftet ist oder nicht -
es geht nur darum, dass wir Menschen bei einer starken Gefühlsregung dazu neigen, schließlich das zu glauben,
was wir glauben wollen, also auch die Wirklichkeit nicht mehr zu sehen.


Mit freundlicher Genehmigung durfte ich den Text von Folgender Seite kopieren: http://basisreligion.reliprojekt.de/rosarotebrille.htm

Der gesamte Artikel ist übrigens sehr empfehlenswert.
________________________________________________________________

Ich denke es beschreibt gut das, was Mike mit seinen 1. Zeilen ausdrücken wollte.

Mike hat geschrieben:ABER trotz dieser Erkenntnis kocht in euch dennoch das Gefühl der Enttäuschung und des Hasses über solche Menschen. Ihr wisst zwar, dass sie auf einem niedereren Erkenntnisstand sind und manche Dinge erst lernen müssen, die ihr schon längst gelernt habt - aber dennoch blickt ihr verachtend und hassend auf solche Menschen herab.


Ich kenne dieses Gefühl bedingt, aber nicht in jeder einer solchen Situation kommt das Gefühl auf.
Bei einigen Gegebenheiten habe ich mit diesen Menschen gesprochen und ihnen meine Erfahrung "damit" (womit auch immer) geschildert.
Manche wollen es gar nicht erst hören und wenn sie dann abrutschen,
dann kann ich ehrlich gesagt erhobenen Haupts nur lachen, denn es gab jemand in ihrem Leben, der sie genau darauf hingewiesen hat.

Und die angesprochene Verachtung ist vielleicht eher so etwas wie eine Blockade, eine Blockade sich mit dem Menschen,
der gerade diesen Fehler begeht, auseinander zu setzen.
Man kann zwar nicht jedem Menschen helfen, aber man kann Hinweise geben um ihn damit vielleicht zum Nachdenken an zu regen.

In diesem Moment hat man aber auch schon alles für diesen Menschen getan, denn wie gesagt; viele wollen sich gar nichts sagen lassen,
weil sie denken, dass es sowieso anders kommt.

Du sprichst in Deinem Beitrag gleich 3 verschiedene Dinge an, ich weiß gar nicht, welches dieser Themen nun die Hauptthematik ist. :)

Mike hat geschrieben:Woher kommt also dieser Selbst-Vernichtungs-Drang?


Irgendwo hier hatten wir schon mal das Thema, warum Menschen etwas machen, obwohl sie wissen, dass es nicht gut für sie ist,
warum manche Menschen (wenn auch auf ihre eigene Art) gerne leiden.

Schwierige Frage, muss ich zugeben.

Vielleicht machen sie es, weil sie nach einem außergewöhnlichen Gefühl streben oder auch um dem Alltag mit seinen Alltags-Gefühlen zu fliehen.
Ich gehöre aber definitiv zu den Menschen, die sich gerade in der Vergangenheit gerne selbst vernichtet haben, obwohl ich wusste, dass es nicht gut ist.

Heute benutze ich dafür auch die Musik.
An manchen Tagen höre ich ganz bewusst Musik, die mich runter zieht und zum heulen bringt.


Viele Grüße.
...und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben...
Svart-Vinter

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Re: Verhalten wider der Überzeugung

Beitragvon Haderlumpin » 29. Jan 2009 - 18:06


Sao hat geschrieben:
Haderlumpin hat geschrieben:Denn Hass ist keine extreme emotionale Regung



Ich denke, Hass ist eine der stärksten emotionalen Regungen die es gibt, richtiger Hass ist wie das Gefühl der Liebe;
kaum bis gar nicht beherrschbar, es schleicht sich ein und macht mit Dir was es will.
In dem Moment setzt das Gefühl einem die rosarote Brille auf, es macht blind und ohnmächtig.

Wäre das Gefühl der Liebe oder des Hasses beherrschbar, dann könnten wir das Auftreten dieser Emotion ganz verhindern.


Ja, Hass ist eine extreme emotionale Regung. ;) Da hast du den Satz etwas auseinandergerissen, so dass es jetzt anders aussieht. Ich schrieb ja: Denn Hass ist keine extreme emotionale Regung, die situationsbedingt angemessen wäre und Erleichterung verschafft.

Ist von mir etwas blöd formuliert gewesen. Ich hätte schreiben sollen "Hass ist eine extreme emotionale Regung, die _nicht_ situationsbedingt angemessen ist und _keine_ Erleichterung verschafft." Mein Fehler, sorry!

Nochmal zum Sich-selbst-runterziehen: Diese Suche nach einem außergewöhnlichen Gefühl spielt glaube ich auch eine Rolle, ja. Geht man davon aus, dass wir heutzutage in erster Linie "Sensation-Seeker" sind und das nicht nur auf positive Sensation bezogen, könnte das auch ein Grund für dieses aktive Leidenwollen sein.
"Dass das Leben Höhen und Tiefen kennt, weiß auch der moderne Mensch, aber in seinen Augen kommt eigentlich nur den Höhen ein Recht auf Existenz zu, die Tiefen haben es verwirkt, ihnen droht die Höchststrafe der Moderne, die Abschaffung und Entsorgung." (Wilhelm Schmid)
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Verhalten wider der Überzeugung

Beitragvon The_Sorrow » 29. Jan 2009 - 21:46


Ich weiß nicht ob man das Gefühl das man in der von Mike beschriebenen Situation wirklich Hass nennen kann.
Hass ist die extremste Form von Abscheu/Verachtung.
Wenn man hasst stört es meiner Meinung nach denn Hassenden nicht ob das Objekt seiner Emotion ausgelöscht, gedemütigt oder in sonst einer Form verletzt wird.


Nun zu Thema Musik etwas.
Ich habe schon mehrmals gehört und davon gelesen das wenn man traurig ist auch melancholisch/traurige Musik hören soll da sie einem hilft das so betrübliche besser zu verarneiten.
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Verhalten wider der Überzeugung

Beitragvon Banshee » 31. Jan 2009 - 18:40


Generell zum Hass:

Man unterscheidet eigentlich zwischen reaktivem und charakterbedingtem Hass.

Reaktiver Hass ist das Ergebnis, einer Situation, welche man nicht verarbeiten kann, oder die sehr schmerzvoll war oder ist. Reakt. Hass entspringt sehr auf aus der Liebe.

Charakterbedingter Hass ist nicht situationsabhängig, sondern es ist ein Charaktermerkmal. Der, der hasst, genießt es zu hassen und es macht dieser Person Spaß, andere Personen leiden zu sehen.

Auch Antipathie gehört zum Hassen dazu, möchte es jetzt aber nicht erklären.


MfG Banshee
Nur wer seinen eigenen Weg geht, kann von niemandem überholt werden.
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