Suizid

Forum: Philosophie - Eigene Ansichten


Philosophie ist der Versuch des Menschen mit dem Mittel des Denkens sein Dasein, die von ihm wahrgenommene äußere Welt und sein eigenes Inneres zu erklären.




Re: Suizid

Beitragvon Mike » 16. Dez 2009 - 18:53


So... jetzt nehm ich mir Mal die Zeit und antworte auch auf dieses Thema, zumal die Thematik an und für sich eine recht interessante ist.

Lillifee hat geschrieben:Alle haben Mitleid und so. Ich finde das total schlimm.

Ja, ich finde es ehrlich gesagt auch zum Kotzen, dass hier jeder Mitleid hat - zumal sie ihn nur aus dem Fernsehen kennen. Für sie ist er eigentlich nur ein "schillernder" Name und keine Person an sich. Viele, die jetzt mit ihm Mitleid haben, erkennen wahrscheinlich nicht Mal, dass sie im Bekanntenkreis ähnliche Fälle haben - nur dass diese eben nicht so öffentlichkeitswirksam sind.

Lillifee hat geschrieben:Dieser Typ lässt seine Frau allein und hat das Leben eines Lokführers zerstört. Das ist so egoistisch!

Vielleicht egoistisch, ja. Ich bin auch kein Freund der These "Persönliche Freiheit steht über dem Gemeinwohl". Aber manchmal muss man auch auf sich selbst schaun. Ja, er hatte Verantwortung für Frau und Kind. Aber da Depressionen nichts sind, die von heute auf morgen auftauchen sondern die sich schon über nen Zeitraum entwickeln und wogegen viele Menschen auch lange Zeit ankämpfen, darf auch nicht vergessen werden. Wer weiß - vielleicht hat er sich die letzten Wochen vor dieser Tat ja gequält, dass er das nicht machen sollte, da er damit andere im Stich lässt? Vielleicht litt er sein ganzes Leben lang schon an solchen Gedanken? Die Macht der Gedanken darf nicht unterschätzt werden, noch dazu wenn diese nie nach draussen gelangen sondern nur im eigenen Kopf rumspuken.

Lilliefee hat geschrieben:Übrigens ist durch diesen Suizid die Rate an Selbstmorden duch "vor-den-Zug-werfen" ziemlich heftig angestiegen.

Quelle bitte. Denn diese Aussage halte ich schlichtweg für falsch (v.a. das "ziemlich heftig"), so aus dem Zusammenhang gerissen. Vielleicht ist die prozentuale Verteilung bei Selbstmorden in der Kategorie "Den Zug noch erwischen" angestiegen, dafür fiel die Anzahl an Tabletten-Suiziden.

Ich stimme auch Thanatos in seiner Interpretation zu. Ein letzter verzweifelter Ausruf. Nach all der Zeit des in-sich-hineinfressens, des ewigen Schluckens, dieser ewigen Schuldzuweisungen an sich selbst will man einfach nur FREI sein. Nachdem man seine "Krankheit" jahrelang versteckt hat, sich einfach nur hinzustellen und zu rufen "Da bin ich - das bin ich".


Dass bei einer Person des "öffentlichen Interesses", wie Enke es war, auch in den Medien berichtet wird ist vollkommen verständlich. Um ehrlich zu sein verfolge ich die Medien aber schon gar nicht mehr, insofern kann ich nicht sagen, ob es in diesem Fall nun mehr oder weniger Berichterstattung gab.
Grundsätzlich interessiert mich der Fall Enke auch weniger als wenn sich ein völlig Unbekannter vor den Zug schmeisst. Mitleid ist vorhanden, ja - weil auch ich das Gefühl kenne, dass man manchmal einfach nicht mehr kann. Suizid widerspricht zwar meiner Auffassung vom Leben an sich, aber ich kann diese Menschen verstehen. Was ich nicht verstehen kann (wie auch eingangs bereits erwähnt), wenn Enke nun Stammtisch-Gespräch wird. Eine schlichte Meldung über diesen Vorfall hätte gereicht. Aber höchstwahrscheinlich (nicht weil ich das weiß, sondern weil ichs aus Erfahrungen kenne) wird nun in diversen Stammlokalen gerätselt und gedichtet, was das Zeug hält, was ihn denn letztendlich veranlasst hat... der Voyeurismus des Menschen ist eben doch unersättlich.
Der Stolz des Philosophen erstarb in mir; der Schmerz des Menschen gewann die Oberhand und das kommende Licht der Sonne erfüllte mich mit Mutlosigkeit.
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Re: Suizid

Beitragvon Svart-Vinter » 30. Dez 2009 - 22:38


Bevor das passiert ist, kannte ich Robert Enke gar nicht, ehrlich gesagt.
Mich interessiert Sport nicht sonderlich.

Zum Thema Suizid nochmal: Ich bin etwas erschrocken über seinen Mut, den Schlussstrich zu ziehen und Frau, Kind und Kegel zurück zu lassen.
Ich denke, er hat sich sehr gequält, sonst hätte er es vermutlich nicht gemacht.
Er war in bester Behandlung und das alles hat nichts geholfen.

Am Ende konnte ihm keiner mehr helfen, auch nicht das strahlen in den Augen seines Kindes und das spricht u.a. wirklich für die absolute Auswegslosigkeit.

Der Tod war sein letzter Weg... und mal ganz ehrlich:
Ist der Tod in so einem Fall nicht die beste Lösung als sich sein ganzes Leben mit schlimmen Gedanken herum zu quälen?!
Das Leben ist so absolut nichts Wert, wenn es einem ständig nur schlecht geht und immer und immer wieder der Gedanke des Suizids aufkommt?

Man muss diesen Gedanken nicht nach geben, aber manchmal ist es vielleicht besser für sich selbst und für das gesamte Umfeld.

Wie gesagt: der Tod ist eine Erlösung.

Ich kann es ihm nicht verübeln, er hat jetzt seinen Frieden gefunden und muss nie wieder leiden.
Vielleicht sieht seine Frau das auch so.


Gruß.
...und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben...
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Re: Suizid

Beitragvon Thanatos » 31. Dez 2009 - 00:21


Sao hat geschrieben:Der Tod war sein letzter Weg... und mal ganz ehrlich:
Ist der Tod in so einem Fall nicht die beste Lösung als sich sein ganzes Leben mit schlimmen Gedanken herum zu quälen?!
Das Leben ist so absolut nichts Wert, wenn es einem ständig nur schlecht geht und immer und immer wieder der Gedanke des Suizids aufkommt?


Ich bin kein grundsätzlicher Gegner des Freitod-Gedankens, aber den Tod als Erlösung zu betrachten ist eine heikle Sache.
Für jemanden wie Enke - ich kenne nur die groben Umrisse des Falles, aber das reicht hier, denke ich - ist diese Aussage einfach nur Blödsinn.
Ein körperlich gesunder Mensch, der im Prinzip vollständig zur Teilnahme am Leben fähig ist, der sogar durch seinen Beruf eigentlich einen Luxus besitzt, den sich viele wünschen, usw. usf. ... einem solchen Menschen hätte man helfen müssen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Da wäre noch so viel zu retten gewesen. Was da nicht gestimmt hat war nicht die faktische oder potentielle Lebensqualität. Was da gefehlt hat, war die Fähigkeit zur Kommunikation! Enke konnte sich offensichtlich niemandem anvertrauen und die anderen wollten oder konnten nicht sehen oder nicht ansprechen, was mit ihm geschah.

Ich glaube, ich habe das schon mal irgendwo in diesem Forum erwähnt, aber hier nochmal:
Wer glaubt, der Tod seine eine Erlösung von den Qualen des Lebens, der irrt.
Der Tod ist keine Erlösung, die man genießen kann, kein Zustand, in dem man sich besser fühlt, weil er etwa leidlos ist.
Der Tod ist das Ende der Existenz, die es uns ermöglicht überhaupt etwas zu fühlen, zu erleben, zu tun.
Wer den Tod wählt, um dem Leid zu entkommen, verhält sich wie ein Stück Zucker, dass sich, um ein paar Wassertropfen zu entkommen, in den tiefsten Ozean stürzt.

Ich weiß, dass einige Teilnehmer in diesem Forum mir nun widersprechen werden, weil sie religiöse Einwände gegen das Verlöschen der Existenz nach dem Tode haben. Da kann ich nichts gegen sagen. Als Agnostiker muss ich die Möglichkeit einräumen, dass da eventuell doch noch etwas sein könnte. Allerdings sollte man sich auch in diesem Falle der Tatsache bewusst sein, dass man auf totales Risiko spielt, wenn man den Tod wählt. Denn: Wo liegt der Beweis dafür, dass ausgerechnet ein Paradies auf Euch wartet? Woher wisst ihr, dass es nicht die Hölle ist? Falls es da etwas gibt, könnte es alles mögliche sein.
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Re: Suizid

Beitragvon Mike » 31. Dez 2009 - 00:36


Man kann nicht wissen, was nach dem Tod auf einen wartet. Aber in solchen Fällen, wo man den Freitod beschließt um dem LEBEN zu entfliehen glaube ich ist es den meisten egal, ob der Himmel oder das Nichts auf einen wartet.

Und was du da erwähnst... ja, er war körperlich vielleicht gesund, hatte nen Beruf, Luxus, ne Familie... aber sind das wirklich Güter, die ALLGEMEINGÜLTIG glücklich machen? Ja, viele wünschen sich diesen Besitz. Aber Glück ist etwas, das man nicht an solchen Dingen festmachen kann meines Erachtens. Zumindest nicht für jeden gültig.

Mehr vielleicht später, bin momentan leider etwas kurz angebunden.
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Re: Suizid

Beitragvon Svart-Vinter » 31. Dez 2009 - 02:20


Ich hatte mich gerade mit ein paar Bekannten unterhalten über diesen Fall und einige nannten das gleiche Beispiel:

Thanatos hat geschrieben:Ein körperlich gesunder Mensch, der im Prinzip vollständig zur Teilnahme am Leben fähig ist, der sogar durch seinen Beruf eigentlich einen Luxus besitzt, den sich viele wünschen, usw. usf. ... einem solchen Menschen hätte man helfen müssen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Da wäre noch so viel zu retten gewesen. Was da nicht gestimmt hat war nicht die faktische oder potentielle Lebensqualität. Was da gefehlt hat, war die Fähigkeit zur Kommunikation! Enke konnte sich offensichtlich niemandem anvertrauen und die anderen wollten oder konnten nicht sehen oder nicht ansprechen, was mit ihm geschah.


So weit ich weiß, war er in bester Behandlung, er war in Therapie und gerade habe ich nochmal nachgelesen,
er hat sogar einen Abschiedsbrief hinterlassen.
Seine Frau hatte in dem Interview (auf youtube zu sehen) gesagt, das sie gemeinsam viel,
hart und auch schon seit sehr langer Zeit gegen seine Depressionen gekämpft haben.
Ich glaube, viel war da nicht mehr zu retten, denn irgendwann gelangt man an diesen einen Punkt, wo die besten Tabletten, Ärzte,
Therapien und Gespräche nicht mehr helfen und vor diesem Punkt gibt es ständig diese Momente, wo man sehr nah daran ist und seinen Mut sammelt,
um sein Leben zu beenden und es dann doch nicht macht.

Ich weiß nicht genau, aber ich schätze, dass man einen eisernen Willen braucht, um das alles durch zu stehen.
Es ist ein ständiger Kampf mit sich selbst und mit seinen Gedanken.

Thanatos hat geschrieben:Ich glaube, ich habe das schon mal irgendwo in diesem Forum erwähnt, aber hier nochmal:
Wer glaubt, der Tod seine eine Erlösung von den Qualen des Lebens, der irrt.
Der Tod ist keine Erlösung, die man genießen kann, kein Zustand, in dem man sich besser fühlt, weil er etwa leidlos ist.
Der Tod ist das Ende der Existenz, die es uns ermöglicht überhaupt etwas zu fühlen, zu erleben, zu tun.
Wer den Tod wählt, um dem Leid zu entkommen, verhält sich wie ein Stück Zucker, dass sich, um ein paar Wassertropfen zu entkommen, in den tiefsten Ozean stürzt.


Es mag gut sein, dass es genau so ist wie Du sagst, aber es kann genau so gut das Gegenteil der Fall sein.

Dazu gibt es so viele Theorien und dabei wünscht sich doch jeder Mensch insgeheim,
dass er nach dem Tod genau so weiter existiert wie man es sich zu Lebzeiten immer vorgestellt hat und das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Wenn Ihr mich jetzt fragt, wie ich mir "nach dem Tod" vorstelle, dann kann ich nur eine Vorstellung meinerseits abliefern,
aber ob das dann genau so ist?
Schön wäre es, aber ich denke, dass die Wahrscheinlichkeit dieses Falles sehr gering ist oder?

Ich möchte noch mal auf den Anfangsbeitrag von Lillifee zu sprechen kommen:

Lillifee hat geschrieben:Es hieß, er wolle nicht, dass seine Depression an die Öffentlichkeit gelangt…und jetzt?Jetzt erfährt die Öffentlichkeit ALLES und seine Frau steht damit alleine da.
Und wenn er Selbstmord begehen muss, kann er dann nicht einfach irgendwo allein Tabletten nehmen?



Der Suizid durch Tabletten wäre im Fall "Robert Enke" genau so in die Öffentlichkeit geraten, da er ein Mensch, der immer in der Öffentlichkeit stand.
Bei jedem anderen Promi wären die Medien auch nicht still geblieben.

Wusstet Ihr, dass sich jährlich um die 10.000 Menschen in Deutschland das Leben nehmen?

Das ist eine beachtliche Menge, aber unsereins bekommt davon gar nichts mit, über O-Normalverbraucher berichtet kein Mensch,
weil das einfach nicht spektakulär genug ist.

Traurig, aber wahr.


Gruß.
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Re: Suizid

Beitragvon Thanatos » 31. Dez 2009 - 12:14


Ich werde mich zu der Thematik hier vorerst nicht weiter äußern, weil ich derzeit auch an einem Projekt dazu arbeite.

Allerdings habe ich beim Stöbern in den Nachrichten heute morgen, diesen Artikel hier gefunden, der vielleicht einige hier interessiert.
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