Religion & Psychologie - Thesen von Sigmund Freud

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Religiöse Weltanschauungen und Sinngebungssysteme. Religionspsychologie, Religionsgeschichte, spirituelle Religion, Religionsphilosophie und eigene Ansichten.




Religion & Psychologie - Thesen von Sigmund Freud

Beitragvon Svart-Vinter » 16. Nov 2008 - 14:57


Freud untersucht nur die Natur religiöser Vorstellungen, nicht mit deren Wahrheitsgehalt als Wirklichkeit.

Er kommt zu dem Ergebnis: Religiöse Lehren sind Illusionen, vergleichbar Wahnideen, jedoch unbeweisbar und unwiderlegbar,
d.h. nach ihrem Realitätswert nicht beurteilbar.
Er deutet jedoch an, dass die psychologischen Erkenntnis die Wahrhaftigkeit der Religion sehr in Frage stellen.

Sehr interessante Thesen und Gesprächsstoff für die Gläubigen unter Euch:

Wesen der Religion

- Freud erkennt die Stärke des religiösen Vorstellungen, die in der Vergangenheit die Weltgeschichte beeinflusst haben.
Gleichzeitig erkennt er aber auch, dass sich kein Beweis für sie finden lässt, der ihren Anspruch gerechtfertigt.

- "Religiöse Vorstellungen sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens,
sondern Illusionen, Erfüllungen der ältesten, dringendsten Wünsche der Menschheit; der Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche."

- Sie entspringen der kindlichen Vatersehnsucht, den Wünschen nach Schutz vor den Gefahren des Lebens,
Erfüllung der Gerechtigkeit in dieser ungerechten Gesellschaft, Verlängerung der Existenz durch ein irdisches Leben,
Wissen um die Entstehung der Welt und die Beziehung zwischen Körper und Seele.

- Durch die unklare Wahrnehmung des psychischen Apparats werden sie nach außen projiziert.

- Es handelt sich dabei um infantile Wünsche, die sowohl der Kindheitsphase des Individuums als auch der menschlichen Gattung entspringen;
denn die Ontogenese (Entwicklung der Persönlichkeit des Individuums) ist die Kurzform der Phylogenese (Entwicklung der Gattung).

- Individualpsychologisch ist die religiöse Vatergestalt (Gott) eine Verlängerung der Vatergestalt der Kindheit.
Sie ist bedingt durch einen nicht-überwundenen Konflikt, den man ins Erwachsenenalter hinüberträgt.
Mit dem Vater-Gott geht eine Entlastung der Psyche einher, indem auf ihn die Probleme der Menschheitserfahrung projiziert werden.

- Sozialpsychologisch erfüllen die Götter eine dreifache Aufgabe: Bann des Schreckens der Natur, Versöhnung mit Schicksal und Tod,
Entschädigung von Leiden und Entbehrungen im kulturellen Zusammenleben (jede Kultur gründet auf Arbeitszwang und Triebverzicht).
Das bedeutet auch Sanktionierung von Moralgesetzen und das Liefern eines höheren Lebenszwecks.

- Religiöse Praktiken gleichen neurotischen Zwangshandlungen. Die Religion trägt neurotische Züge,
weil der Mensch in ihr vor der Wirklichkeit flieht und nicht erwachsen werden will.


Schlussfolgerungen

- Die aufgeklärte Wissenschaft wird unaufhaltsam die Religion als Weltanschauung verdrängen, sie auflösen und an ihre Stelle treten.

- Der Mensch muss erwachsen werden und sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Erziehung zur Realität.

- Die freiwerdende Energie, die bisher vom Jenseits vereinnahmt wurde, braucht der Mensch dringend für die Weltgestaltung.

- Der Glaube an die Wissenschaft, die den Wahrheitsbeweis mannigfaltig erbracht hat, gibt mehr Halt als die Religion.

Quelle: http://buber.de/christl/unterrichtsmaterialien/freud


Heiße Aussagen oder? Ich bin gespannt, was Ihr davon haltet.


Viele Grüße.
...und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben...
Svart-Vinter

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Religion & Psychologie - Thesen von Sigmund Freud

Beitragvon Mike » 16. Nov 2008 - 18:58


Liest sich ja ganz nett, und ne gewisse Wahrheit in den Aussagen kann man auch nicht leugnen. Aber ist "Glaube" nicht erst Glaube, eben WEIL er sich nicht beweisen lässt? Würde man den Glauben beweisen können, wäre es simple Mathematik.

Ich hab letztens irgendwo den schönen Spruch gehört "Glaube kann ohne Wissenschaft existieren, aber die Wissenschaft kann nicht ohne den Glauben existieren". Treibt nicht erst der GLAUBE die Wissenschaftler an, etwas zu erfinden? Hätte der Erfinder des Flugzeugs nicht daran geglaubt, dass die Fortbewegung in der Luft möglich wäre, hätte er nie begonnen, daran zu forschen.

Es gibt so viele Dinge, die die Menschheit nicht weiß und nicht versteht - ich denke also nicht, dass die Wissenschaft so schnell den Platz der Religion einnehmen wird. Wir können noch nicht ein Mal klären, ob Atlantis ein Mythos oder Realität ist. Wir können vielleicht erklären, WIE der menschliche Körper funktioniert - aber nicht, WARUM.

Manche Religionen erziehen den Menschen mehr zur Realität als es die Wissenschaft tut. Während in diesen Religionen der Mensch "erzogen" wird, die Verantwortung für sein Handeln zu tragen, herrscht bei den Wissenschaftlern oftmals nur der Wissensdurst vor, nicht aber das Verantwortungsbewusstsein für die Dinge, die sie entwickeln.

Der Glaube an die Wissenschaft, die den Wahrheitsbeweis mannigfaltig erbracht hat, gibt mehr Halt als die Religion.


Die Wissenschaft hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer und immer wieder geirrt und sich selbst widerlegt. Wie oft erleben wir es, dass wissenschaftliche Erkenntnisse von gestern morgen schon überholt sind?

Ich bin zwar auch der Meinung, dass viele Religionen nur Realitätsflucht betreiben. Aber das liegt nicht immer an der Religion, es liegt oftmals auch an den Gläubigen, die sich nicht wirklich mit dem auseinandersetzen, woran sie glauben. Eine Wissenschaft wird nie Moral lehren können, da sie selbst oft ohne Moral ist.

Sollte die Wissenschaft jemals beweisen können, dass kein Gott und kein Jenseits existiert, dass der Mensch tatsächlich nur dieses eine Leben zur Verfügung hat und nichts danach kommt - das wird das Chaos sein. Denn dann gibt es keinen Grund mehr, moralisch zu handeln. Es gibt keinen Grund, andere Menschen zu respektieren. Jeder könnte tun und lassen, was er will, da er keine Konsequenzen zu fürchten hätte. Ich denke nicht, dass dies Sinn und Zweck unseres Lebens ist. Der Mensch will immer mehr wissen und erforschen, nur um letzten Endes herauszufinden, dass es besser gewesen wäre, vieles davon nicht zu wissen... Ein Blinder will sehen, aber der Sehende wäre oft nur zu gerne blind.
Der Stolz des Philosophen erstarb in mir; der Schmerz des Menschen gewann die Oberhand und das kommende Licht der Sonne erfüllte mich mit Mutlosigkeit.
Mike

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Religion & Psychologie - Thesen von Sigmund Freud

Beitragvon Haderlumpin » 17. Nov 2008 - 12:34


Das sind tatsächlich Freuds Schlussfolgerungen? Merkwürdig...dass man erst die Stärke von Glauben und Religion so deutlich erkennt und dann wiederum schlussfolgert, dass sie von Wissenschaft verdrängt werden.

Ich glaube, die Religionen werden sich immer wieder wandeln, den menschlichen Bedürfnissen weiter anpassen, vielleicht auch immer individueller werden (zumindest ist das der Trend unserer Zeit) usw. aber verschwinden werden sie nicht.

Die freiwerdende Energie, die bisher vom Jenseits vereinnahmt wurde, braucht der Mensch dringend für die Weltgestaltung.


Die Theorie der begrenzten Energie/Libido ist meiner Meinung nach eine von Freuds großen Schwächen. Der Mensch ist zu einer beachtlichen Leistung fähig, wenn es darum geht Energien in sich einander widersprechende Tätigkeiten zu stecken.
"Dass das Leben Höhen und Tiefen kennt, weiß auch der moderne Mensch, aber in seinen Augen kommt eigentlich nur den Höhen ein Recht auf Existenz zu, die Tiefen haben es verwirkt, ihnen droht die Höchststrafe der Moderne, die Abschaffung und Entsorgung." (Wilhelm Schmid)
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