Pornogarphie als Bestandteil unserer Kultur

Forum: Kultur - Subkultur


Wie haben sich Kulturen mit der Zeit verbessert? Gab es früher auch schon Subkulturen? Hier könnt Ihr Euch darüber austauschen.




Pornogarphie als Bestandteil unserer Kultur

Beitragvon Thanatos » 19. Dez 2009 - 15:13


Da ich jetzt in mehreren Threads auf das Bedürfnis aufmerksam geworden bin, hier der passende Thread dazu:

Leben wir in einer Kultur der Pornographie?
Ist der Schutz der Jugend vor pornographischen Erzeugnissen noch zeitgemäß?
Ist er überhaupt realisierbar? Sollte er überhaupt weiter angestrebt werden?
Ist der Jugendschutz an dieser Stelle nicht nur ein Relikt vergangener Prüderie?
Ist er gar Zensur?
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Re: Pornogarphie als Bestandteil unserer Kultur

Beitragvon Haderlumpin » 6. Jan 2010 - 14:57


Ein interessantes Thema. Ich nehme aktuell an einem Forschungsseminar zum Thema Jugendsexualität teil. Dort wurde u.a. die kürzlich in den Raum gestellte These der "sexuellen Verwahrlosung" aufgegriffen. Als Hintergrundinformation dazu folgender Artikel: http://www.stern.de/politik/deutschland ... 81936.html

Empirisch lässt sich folgendes dazu sagen: Daten die diese These stützen liegen derzeit nicht vor. Bislang lassen sich kurz gefasst empirisch nur folgende Aussagen machen: Jugendliche erleben heute ihr "erstes mal" früher. Werte wie Treue, Vertrauen, gegenseitiger Respekt etc. werden aber nach wie vor für die meisten Jugendlichen als sehr wichtig eingestuft. Ein "Werteverfall" dieser Art lässt sich also empirisch nicht erkennen.

Die im obigen Artikel dargestellten Fälle sollten als Einzelschicksale betrachtet werden, die von den "Arche"-Mitarbeitern übrigens in ihrem Band "Deutschlands sexuelle Tragödie: Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist." sehr drastisch dargestellt werden, wobei die Reflexion der Falldarstellungen sehr kurz kommt. Von diesen Einzelschicksalen sollte kein vorschneller Rückschluss auf die gesamte Jugend gezogen werden.

Zu diesem Thema empfehle ich die Publikationen von Alexandra Klein, insbesondere die Potsdamer Studie zur Sexualität junger Erwachsener. Das ganze ist noch im Erscheinen, online konnte ich leider nur dies hier auftreiben: http://www.springerlink.com/content/f02tun619ng3qh25/ Mitglieder von Universitäten können kostenlosen Zugang zu den Artikeln bekommen, wenn ihre Uni Bib das anbietet (was die meisten tun). Wenn also Interesse besteht, einfach ausprobieren. :)

Generell ist die Forschungslage in Sachen Pornografie besonders im Zusammenhang mit den neuen Medien noch relativ unzureichend. Zu erwähnen wäre die BRAVO Dr.Sommer Studie, von welcher allerdings nur eine recht grobe Zusammenfassung unter dieser Adresse zu finden ist: http://www.bravo.de/online/render.php?render=89540 Wie diese Zahlen genau zustande gekommen sind, ist nicht ersichtlich. Die Ergebnisse werden m.E. auch sehr plakativ und suggestiv präsentiert.
Weber hat dazu eine explorative Studie zu bieten, welche in diesem Band der BZgA eingesehen werden kann: http://www.bzga.de/botmed_13329211.html
Vorsichtige erste Erkenntnisse sind zum einen, dass der Pornokonsum unter älteren Jugendlichen eher die Regel, als die Ausnahme darstellt. Darüber hinaus konsumieren Jugendliche Pornografie überwiegend mit dem Wissen, dass dies keine übliche Sexualität abbildet. Ebenso verändern sich offenbar die Vorstellungen von Sexualität und Beziehungen durch den Konsum von Pornografie nicht wesentlich.

Soweit ich das sehe, lässt sich zumindest von Seiten der Forschung bislang eine Zensur nicht begründen.
"Dass das Leben Höhen und Tiefen kennt, weiß auch der moderne Mensch, aber in seinen Augen kommt eigentlich nur den Höhen ein Recht auf Existenz zu, die Tiefen haben es verwirkt, ihnen droht die Höchststrafe der Moderne, die Abschaffung und Entsorgung." (Wilhelm Schmid)
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Re: Pornogarphie als Bestandteil unserer Kultur

Beitragvon Thanatos » 6. Jan 2010 - 21:50


Danke für den tollen Beitrag, Haderlumpin.

Ich habe dem noch einen alten Link zu einer Doku hinzuzufügen, die mal im ZDF lief und jetzt noch in der ZDF Mediathekverfügbar ist. Dazu gab es dann auch eine heftige Diskussion im SpOn-Forum. mit ein bisschen Phantasie bekommt man auch raus, wer ich wohl in dieser Diskussion bin. ;)

Einiges an der Doku fand ich schon erschreckend, zumal die Kinder alle von Kölner Schulen sind und ich schon befürchtete, bekannte Gesichter zu sehen. Andererseits bin ich mir natürlich bewusst, dass dies auch nur eine Doku aus einer ganz bestimmten Perspektive ist (ich habe im SpOn-Forum auch die Art der Doku kritisiert). Nichtsdestotrotz hat sich der grundlegende Umgang von Jugendlichen mit Pornographie merklich verändert. Das große Problem scheint mir aber nicht darin zu liegen, dass die Kids überhaupt so früh Pornos schauen, sondern wie sie damit umgehen. Die von Haderlumpin gemachten Aussagen zum nicht-belegbaren "Werteverfall" kann ich aus persönlicher Erfahrung nicht stützen. Wenn diese Kids von Werten wie Treue usw. reden, habe ich persönlich das Gefühl, dass der Werteinhalt sich geändert hat. Das ist aber ein gesamt-soziologisches Problem und kann nicht der Pornographie zugeschrieben werden. Vielmehr stehen hier Eltern (und auch Lehrer) in der Verantwortung. Das betrifft Pornos genauso wie Alkohol oder Action-Spiele.
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Re: Pornogarphie als Bestandteil unserer Kultur

Beitragvon Haderlumpin » 7. Jan 2010 - 03:52


Gerne. :) Danke auch für deine Beiträge. Da es jetzt schon recht spät ist, konnte ich den Artikel nur überfliegen. Werd mir das morgen nochmal genauer anschauen.
Eines lässt sich aber festhalten: Empirie ist eben auch nicht alles! Zum einen haben wir es da mit konzeptuellen Problemen, wie der sozialen Erwünschtheit, zu tun. Die dürfte bei der Beantwortung der Fragen durch die Interviewten immer eine Rolle spielen - sprich, man kann selbst bei anonymen Befragungen nicht davon ausgehen, dass stets schonungslos ehrlich geantwortet wird. Die Vorstellungen der Befragten, welche Antworten gesellschaftlich erwünscht sind, führen immer zu einer Verzerrung. Das darf man grade bei so heiklen Themen wie Sexualität und Pornografie nicht unter den Teppich kehren.
Einzelschicksale oder eben auch sogenannte "Brennpunkte" können zudem nicht berücksichtigt werden, da es ja stets um die Repräsentativität geht.
Standardisierte Befragungen unterschlagen auch so manches, grade was die Begründungen für eine bestimmte Handlung angehen. Qualitative Studien mit ausführlichen offeneren Interviews haben z.B. aufgedeckt, dass in der Frage ob nun Mädchen oder Jungen die Initiative zur Anbahnung erster sexueller Handlungen ergriffen haben, völlig widersprüchliche Antworten gegeben wurden, weil beide Seiten die Situation ganz unterschiedlich interpretiert haben. So etwas kann standardisiert gar nicht erfasst werden.

Und wie du schon sagst, Thanatos.. grade die einzelnen Fälle, die man selbst erlebt oder über die man auch liest, machen es einem nicht leicht der empirischen Forschungslage zu glauben. So vorsichtig man in der Debatte mit Zuschreibungen sein muss.. es ist erkennbar, dass es ein Milieu gibt, das aus diesem empirisch-durchschnittlichen Rahmen herausfällt und das sich offenbar in einer sozialen Lage befindet, in der Sexualität zum "Lückenfüller" für fehlende Sublimierungsangebote wird.
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