Kurzgeschichten

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Kurzgeschichten

Beitragvon Svart-Vinter » 24. Apr 2008 - 06:58


Hier mal eine meiner Lieblingskurzgeschichten, die mich immer wieder stark berührt, obwohl es eine so einfache Geschichte ist.
Ich kann mich gut damit identifizieren.

Hier ist die Geschichte:

Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam.

Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.
Bei einer zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter.

Sie konnte nicht viel erkennen.

Das Wesen, dass da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos.
Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.

Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte: "Wer bist Du?"

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.

"Ach, die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.

"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch.

"Natürlich kenne ich Dich! Immer wieder einmal hast Du mich ein Stück des Weges begleitet."

"Ja, aber...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest Du dann nicht vor mir? Hast Du denn keine Angst?"

"Warum sollte ich vor Dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass Du jeden Flüchtigen einholst.
Aber, was ich Dich fragen will: Warum siehst Du so mutlos aus?"

"Ich... ich bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.

Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist Du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf.

"Erzähl mir doch, was dich bedrückt."

Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht.

"Ach, weißt Du", begann sie zögernd und äußerst verwundert, "es ist so, dass mich einfach niemand mag.
Es ist nun mal meine Bestimmung; unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen.
Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest."

Die Traurigkeit schluckte schwer. "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen.
Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot.
Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen.
Sie sagen: Man muss sich nur zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.
Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe.

Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen."

"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir schon oft begegnet."

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen.
Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen.
Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wider auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh.

Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen.
Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben.
Oder sie legen sich einen dicken Panzer der Bitterkeit zu."

Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt.

Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme.
Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

"Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit Du wieder Kraft sammeln kannst.
Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde Dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt."

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin.

"Aber... aber - wer bist eigentlich Du?"

"Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen. "Ich bin die Hoffnung."
...und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben...
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Beitragvon Hagazussa » 24. Apr 2008 - 21:19


WOW, das ist ja mal eine schöne Geschichte.

Ich hätte auch eine Geschichte. Vielleicht nicht so schön, wie Deine aber
mir gefällt sie.

Als mein Sohn Alec zwei Jahre alt war, ließen wir ein paar Arbeiten an
unserem Haus vornehmen.
Die Arbeiter fragten mich, ob ich den Berg hinunter zu Duke's (das war
eine altmodische Imbißbude, die Hamburger verkaufte) fahren und Ihnen
Hamburger besorgen könnte.
Ich nahm das neue Auto meines Mannes, das ich nicht gewohnt war zu fahren.
Alec kam mit mir.
Als wir bei Duke's ankamen, ließ ich Alec in seinem Kindersitz, schloss die Tür ab und lief etwa 3 Meter zur Imbißbude.
Plötzlich sah ich, wie Alec sich vorbeugte und den Schalthebel von der
Position "Parken" löste.
Das Auto fing an rückwärts zu rollen, da Duke's an einem Hang lag.
Ich rannte zum Auto und versuchte, die Tür aufzuschließen,
konnte das da Auto aber nicht zum stehen bringen.
All diese Geschichten, die man hört, in denen Mütter aufgrund eines
Adrenalinstoßes in der Lage sind, Felsblöcke und Bäume
hochzuheben, trafen auf mich nicht zu.
Ich konnte das Auto nicht zum Halten bringen und inzwischen war das
Auto auf die Autobahn gerollt.
Ich war völlig außer mir, rannte aber immer noch neben dem Auto her
und versuchte verzweifelt, die Tür aufzuschließen.
Plötzlich hielt das Auto mit einem Ruck.
Ich blickte auf und sah einen Mann, der das Auto von hinten festhielt.
Er sagte mir, ich solle das Auto aufschließen, einsteigen und den Wagen starten.
Ich machte, was er sagte, setzte zurück auf den Randstreifen,
hielt das Auto sofort an, um auszusteigen und ihm zu danken, doch er war gegangen.
Ich habe weder gesehen, woher er kam, noch wohin er ging.....
Wenn du es eilig hast, gehe langsam
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Beitragvon Svart-Vinter » 24. Apr 2008 - 22:19


Die Geschichte ist krass. :shock:

Hast Du sie selber erlebt?
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Beitragvon Hagazussa » 24. Apr 2008 - 22:33


Nein, leider habe ich sie nicht selber erlebt...

Aber ich beschäftige mich schon lange mit solchen Geschichten.
Also, wenn Du oder Ihr mehr haben wollt...Kein Problem.
Ich hab noch mehr solcher Geschichten...
Wenn du es eilig hast, gehe langsam
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Re: Kurzgeschichten

Beitragvon Svart-Vinter » 12. Feb 2010 - 21:32


Es war einmal ein weiser Mann, der für gewöhnlich an´s Meer ging, um dort zu schreiben.
Er hatte sich angewöhnt erst ein Stück am Strand spazieren zu gehen, bevor er mit seiner Arbeit begann.

Eines Tages sah er in der Ferne eine menschliche Erscheinung, die sich tanzend am Strand bewegte.

Er lächelte bei dem Gedanken, dass dort offensichtlich jemand in den Tag hinein tanzte.
Als er näher kam sah er, dass es ein junger Mann war. Doch er tanzte nicht, sondern bückte sich, hob etwas auf und warf es sanft zurück in´s Meer.

Der weise Mann kam näher und rief: "Guten Morgen! Was tust du da?" Der junge Mann hielt inne, sah auf und antwortete: "Ich werfe Seesterne in´s Meer".

"Ich schätze ich hätte fragen sollen, warum du Seesterne in´s Meer wirfst?"

"Die Sonne steht schon hoch am Himmel, die Ebbe setzt ein und wenn ich die Seesterne nicht in´s Meer werfe, werden sie sterben".

"Aber junger Mann, siehst Du denn nicht wie lang der Strand ist und überall liegen Seesterne!
Es macht überhaupt keinen Unterschied, ob Du ein paar von Ihnen zurück in´s Meer wirfst!"

Der junge Mann hörte höflich zu. Dann beugte er sich nieder, hob einen weiteren Seestern auf und warf ihn zurück in´s Meer.

"Für diesen hier macht es einen Unterschied."

_______________________________________________________________________

Eines Nachts hatte ich einen Traum:

Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.

Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten - Streiflichtern gleich - Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Paar Fußspuren im Sand, meine eigenen und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorüber gezogen war blickte ich zurück.

Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war.
Und gerade das waren die schwersten Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich meinen Herrn:"Als ich anfing Dir zu folgen hast Du mir versprochen auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast Du mich allein gelassen, als ich Dich am meisten brauchte?" Da antwortete er mir:

"Ich habe Dich niemals alleine gelassen, erst recht nicht

während Deiner Nöte und Schwierigkeiten.

Dort, wo Du nur eine Spur gesehen hast,

da habe ich Dich getragen."
_______________________________________________________________________

Ich gehe die Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren, ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

-

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein. Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr, sehr lange herauszukommen.

-

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein - aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen. Ich weiß wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

-

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

-

Ich gehe eine andere Straße entlang.
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Re: Kurzgeschichten

Beitragvon daTdingAlLeIniMwaLD » 18. Mär 2010 - 20:49


Es war einmal ein Puzzleteil...
Allerdings hatte es keine Ecken; war ganz rund...
Andere Puzzleteile fügten sich zusammen; passten zueinander, aber das Puzzleteil dachte, dass es irgendwann auch ein Gegenstück finden würde...
Das Puzzle nahm immer mehr Gestalt an und ward schließlich fertig, bis auf das runde Puzzleteil...
Es versuchte hineinzupassen und verbog sich, bis es endlich daran zerbrach...
Eines Tages fand es ein kleines Mädchen, welches das Puzzleteil zusammenflickte, genauso rund wie vorher, und es in eine Schachtel mit einem anderen Puzzleteil legte...
Dies passte zu jedem anderen, jedoch wollte und konnte es sich nicht entscheiden, wo es denn nun liegen wollte...
Dieses Teil war so froh eines gefunden zu haben, welches nicht passte, dass es dieses sofort ins Herz schloss...
Es weinte vor Freude und als das runde Teil das sah fragte es: "Warum bist du so glücklich? Wir passen nicht zusammen. Müsstest du mich deswegen nicht hassen?" Daraufhin erwiderte das andere: "Wofür sollte ich dich denn hassen? Nur weil du anders bist? Nur weil du nicht reinpasst? Genau deswegen mag ich dich doch. Du bist einzigartig! Sei stolz darauf."...
Da ward das runde Teilchen so glücklich, wie noch nie in seinem Leben zuvor, denn nun hatte es endlich einen Ort gefunden, wo es akzeptiert wurde.
You don´t notice me... That makes me sad, because I hoped that you could understand me... As I don´t want to wake you from your dream I´ll be silent till you crank up the volume...
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Re: Kurzgeschichten

Beitragvon Svart-Vinter » 6. Jun 2010 - 10:21


Ein Mann reitet auf seinem Esel nach Haus, und läßt seinen Buben zu Fuß neben her laufen. Kommt ein Wanderer, und sagt: Das ist nicht recht, Vater, daß ihr reitet, und laßt euern Sohn laufen; ihr habt stärkere Glieder. Da stieg der Vater vom Esel herab, und ließ den Sohn reiten. Kommt wieder ein Wandersmann, und sagt: Das ist nicht recht, Bursche, daß du reitest, und lässest deinen Vater zu Fuß gehen. Du hast jüngere Beine. Da saßen beide auf, und ritten eine Strecke. Kommt ein dritter Wandersmann, und sagt: Was ist das für ein Unverstand: Zwei Kerle auf Einem schwachen Thiere; Sollte man nicht einen Stock nehmen, und euch beide hinab jagen? Da stiegen beide ab und giengen selb dritt zu Fuß, rechts und links der Vater und Sohn, und in der Mitte der Esel. Kommt ein vierter Wandersmann und sagt: „Ihr seyd drey kuriose Gesellen. Ists nicht genug, wenn Zwey zu Fuß gehen? Gehts nicht leichter, wenn Einer von euch reitet? Da band der Vater dem Esel die vordern Beine zusammen, und der Sohn band ihm die hintern Beine zusammen, zogen einen starken Baumpfahl durch, der an der Straße stand, und trugen den Esel auf der Achsel heim.

So weit kann’s kommen, wenn man es allen Leuten will recht machen.

Eine Geschichte von: Johann Peter Hebel
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