Ich weiß nicht ob es auch schon mal jemand von euch so was durch hatte, doch schreibe ich diese Geschichte hier auf weil diese ein Teil von mir und somit auch ein Teil meines Lebens ist. Ich denke gerne an diese Zeit zurück, denn einerseits ist es sehr schmerzlich gewesen und doch ist es mit die schönste Zeit gewesen, welche man im Leben so erleben kann. Das ganze passierte als ich ca. 14 Jahre alt war, vielleicht auch ein Jahr älter oder jünger, aber das spielt hier sicher keine Rolle. Ich wohnte damals in einem großen Block namens „das blaue Wunder“ als irgendwann in unseren Eingang eine neue Familie (so schien es mir am Anfang) eingezogen ist und ich gerade mit einigen Kumpels draußen auf der Eingangstreppe rumgesessen habe. Neugierig wie man so ist, beobachtet man ja Leute und plötzlich stand sie da, ein Mädchen welches mich im gleichen Moment verzauberte als sie in mein Leben trat und schon stand ich ganz „Gentlemen-Like“ bereit um beim Umzug zu helfen, denn es waren überwiegend weibliche Familienmitglieder welche das schwere Zeug tragen mussten. Ich erfuhr also in welche Wohnung man gezogen ist und kam natürlich auch ein wenig mit der einzigen anwesenden Erwachsenen Person ins Gespräch und erfuhr das es sich bei dem Einzug nicht um eine Familie handelte, sondern um eine sogenannte „AWO“-Maßnahme, welche das ausgliedern von Heimkindern in die normale Gesellschaft wieder ermöglichen sollte. In meinem Alter habe ich die Probleme in welchen diese Kinder vor dieser Zeit steckten natürlich noch gar nicht realisieren können. Jedenfalls erfuhr ich durch die Leiterin der AWO auch den Namen des Mädchen ich in das ich Hals über Kopf verliebte es war Julia* (*Name geändert) und dann schmiedete ich mir einen Plan, denn offiziell und ehrlich sagte man ja in diesem Alter keinem ins Gesicht „Du hör mal zu, ich habe mich in dich verliebt“ denn da gab es ja noch diese kleinen niedlichen Briefchen mit „Ja, Nein, Vielleicht“ und man machte alles über mehrere Tage/Wochen und es gab sogar einige die machten es über Kumpels.
Jedenfalls tastete ich mich langsam ran indem ich immer mal kleine Geschenke vor die Tür legte, klingelte und wieder verschwand und auf dem Geschenk (Blumen, Pralinen & Co.) stand dann halt das dieses an Julia gerichtet sei. Die Jungs in der AWO fanden das anscheinend sehr witzig es waren glaube 4 Jungs im Alter zwischen 8 und 14 Jahren und halt meine Julia welche damals auch in meinem Alter war. Naja jedenfalls ging ich damals an deren Wohnungstür vorbei und stellte fest das ein Handschuh vor der Tür lag und klingelte natürlich um diesen ordnungsgemäß abzugeben. Es öffnete die Leiterin der AWO und bedanke sich und fragte ob ich nicht eine Runde mit spielen wolle, denn sie machen gerade Gesellschaftsspiele und ich „bejahte“ dies und schon war ich das erste mal in ihrer Wohnung. Die Wohnung war schön eingerichtet und aus zwei Wohnungen hatten sie eine gemacht indem sie einfach die Wand durchbrochen hatten. Jedenfalls saß ich da und mir gegenüber saß sie nun und der älteste der Jungs war ein richtiger Chaot, welcher wegen aggressiven Verhalten im Heim gelandet ist da seine Eltern damit nicht klar kamen. Er merkte sofort dass ich dieser heimliche Verehrer war und erwähnte dieses offenkundig am Tisch. Oh Man hatte ich einen roten Kopf aber Sie fand das ziemlich niedlich. Naja nach zwei Stunden spielen hatten wir dann ein wenig Zeit alleine zu Quatschen und Julia hatte sogar ein Einzelzimmer, die Jüngeren mussten sich zwei Zimmer teilen. Ich glaube es war gegenseitige Sympathie und nach einigen Tagen viel zusammen unternehmen waren wir dann irgendwann in einer Beziehung, wenn man das in dem Alter überhaupt schon so nennen kann. Ich freundete mich schnell mit den anderen Kindern an und war eine Art Vaterperson hatte ich das Gefühl damals, denn sie vertrauten sich mir an und fragten um Rat, was mich sehr berührte.
Jedenfalls waren wir beide glaube an sich sehr glücklich doch sehr schüchtern und bis zum ersten Kuss dauerte es ewig bis er passierte, doch in dem Alter denkt man darüber ja nicht so nach. Mir ist oft aufgefallen das wir beim kuscheln eine fast ängstliche Stimmung hatten, denn an einigen Stellen (ich rede hierbei nicht von Intimbereichen) hatte sie Reflexartig meine Hand zur Seite geschoben. Naja ich machte mir nicht all zuviel Sorgen darüber und kam sogar damit klar das sie manchmal sogar versuchte sich körperlich zu wehren indem sie mir zum Beispiel eine Ohrfeige gab und sich im gleichen Moment entschuldigte. Damals verstand ich das ganze nicht wirklich und über Ihre Vergangenheit redete sie nicht oft. Ich wusste nur dass ihre Mutter Alkoholikerin war, sie geschlagen hat und sie irgendwann abgehauen ist. Naja jedenfalls wollte ich sie eines Tages abholen, doch ihre Leiterin erklärte das sie vor einigen Stunden die Wohnung verlassen hätte und Sie sie schon suchen würden. Ich eilte dann auch los und fand sie in der Nähe von Spielplatz zwei (es gab damals bei uns vier Spielplätze) und Julia erzählte mir das der Leiterin wegen irgendwas wohl die Hand ausgerutscht sei und Sie nun nicht mehr zurück möchte und das merkwürdige war, das von der Heimleiterin der Sohn zu Besuch war, welcher schon etwas Älter war, denn er hatte ein Auto also war er so um die 18. Ich sagte ihr jedenfalls dass sie bei mir Schlafen könnte und sie willigte ein. Naja also gingen wir zu mir und begegneten unterwegs einen der Jungen aus der AWO, was wahrscheinlich der Fehler war.
Bald darauf stand die Heimleiterin vor unserer Tür und redete mit meinen Eltern. Meine Eltern sagte Sie würden diese Nacht auf sie aufpassen doch die Heimleiterin drohte meinen Eltern mit Polizei und somit musste Sie mit Ihrer Leiterin mitgehen, es ging leider nicht gegen den Willen der Heimleitung. Tja und am nächsten Tag war Sie weg. Sie sei zu Ihrer Mutter zurückgegangen hörte ich von der Heimleitung. Es gab kein Wiedersehen, sie war einfach so aus meinem Leben verschwunden ohne irgendwelche tröstenden Worte, ohne Abschied und ich stand verlassen da. Ich hörte ca. 1 Jahr später das sie ein Kumpel gesehen haben will, als sie mit ein paar Punks (wahrscheinlich Obdachlose) in der Stadt Bahn gefahren ist, mit einer Flasche Vodka in der Hand und sie sah sehr runtergekommen aus. Als ich das hörte tat es mir in der Seele weh, doch man konnte eh nichts dagegen tun, man war so machtlos.
Irgendwann gegen 2000 (war das letzte Silvester) zogen wir etwas in den Umkreis der Stadt und etwa 2002 hörte ich zum letzten mal was von Ihr was mir diese ganze etwas erklärte und es mir möglich machte das ganze etwas zu rekonstruieren. Meine Mutter traf die Leiterin wieder, welche nun nicht mehr als diese tätig war und sie erzählten ein wenig über früher. Die Leiterin erzähle ihr dass Julia nur kurzzeitig zu Ihrer Mutter zurückkehrte und dann wieder auf die Straße gelandet ist und jetzt wohl sogar eine Jugendhaft verbringen würde wegen irgendetwas. Zudem erfuhr ich, dass Julia mit etwa 10 Jahren schon mal auf der Strasse lebte und dort mit Drogen in Berührung gekommen ist und süchtig wurde. Um das Geld dafür zur erwirtschaften hat sie sich verkauft und das war ein Teufelskreislauf, bis sie irgendjemand aus der Höhle befreite und Julia ein relativ normales Leben im Kinderheim führen konnte. Und ab diesen Moment rasselten diese ganzen Erinnerungen an unsere Zeit, an die gemeinsamen Stunden, an die Gespräche wieder und wieder durch meinen Kopf und ich verstand den ganzen Zusammenhang zwischen ihrer Angst, ihren Depressionen, ihren Physischen Attacken und allem was mich sonst noch in der Zeit mit ihr beschäftigte. Sie hat sicher Qualen erleiden müssen und sie war dadurch psychisch so angegriffen, das es einfach eine Abwehrreaktion war.
Leider konnte weder Ich, noch die AWO noch sonst irgendwer vor dem erneuten Absturz bewahren, denn sie hatte einfach zu wenig halt und der leichteste aber sicher auch schlechteste Weg war halt die Strasse. Leider habe ich Julia nie wieder gesehen und auch nie wieder was von Ihr gehört. Ich weiß weder wie es Ihr geht, noch was wie macht, geschweige denn ob sie überhaupt noch lebt, doch eins weiß ich genau, sie wird für immer einen Platz in meinem Herzen haben, denn Sie war meine erste große Liebe.
Das ganze hat mir den Umgang und das zuhören für Probleme von anderen etwas näher gebracht. Seit dem bin ich wohl auch noch ein viel besserer Zuhörer geworden als ich es schon vorher war. Ich probiere aus den Bewegungen der anderen etwas raus zu lesen um frühzeitig Maßnahmen einzuleiten, denn ich möchte nie wieder einen Menschen seinem Schicksal so einfach überlassen. Früher war es relativ schwierig, doch heute habe ich die nötigen Mittel um diese auch gezielt ein zusetzen, was mich wieder Hoffnung schöpfen lässt, dass man niemals die Hoffnung aufgeben soll, ganz wie die der Spruch – die Hoffnung stirbt zuletzt – es zum Ausdruck bringen soll.
Im Gedenken an Julia


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