Alkoholismus in der Pflege und keiner will es merken

Forum: Missbrauch - Abhängigkeit


Diskussionen und Infos zum Thema: Sucht und Missbrauch, stoffgebunden - nicht stoffgebunden.




Beitragvon Hagazussa » 16. Jun 2008 - 19:42


Nee nee, nix "neues" Thema... :motz:

Das interessiert mich doch sehr, was da so abgeht.
Ich bin, wie bestimmt viele andere, ein Nichtwisser.

Und da finde ich es wichtig, das Ihr mehr darüber erzählt.
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Beitragvon eagle » 16. Jun 2008 - 21:28


Was möchtest du denn noch wissen?
Stell uns Fragen du hast mindestens zwei Profis zum Tehma an Bord und zumindest von mir kannst du die Eiskaltewahrheit erfahren. :tee:
Wer ständig glücklich sein möchte, muss sich oft verändern.
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Beitragvon Hagazussa » 16. Jun 2008 - 22:55


Wie sieht z.B. Euer Alltag wirklich aus?

Wie geht Ihr mir schwierigen Menschen um?

Wieviel Zeit habt Ihr für die Menschen?

Hat Euch mal ein alter Mensch gesagt, das er sterben möchte?

Werden die schwierigen Menschen mit Medikamenten ruhig gestellt?

So langsam kommt mir die Erkenntnis, das ich diesen Beruf nicht ausüben
könnte.
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Beitragvon Svart-Vinter » 17. Jun 2008 - 15:17


In der stationären Altenpflegeeinrichtung ist der Tag strukturiert und demnach müssen die Mitarbeiter auch entsprechend arbeiten.

Ich habe viele Jahre in einem Altenheim von einem privaten Träger gearbeitet und ich kann eagle nur zustimmen.
Für Außenstehende schaut es total super aus, aber was hinter den "Fassaden" abgeht, kann man sich kaum vorstellen... im negativen Sinne.

Mich hat es z.B. immer unheimlich gestört, dass bis 09:00 Uhr alle im Essenssaal sitzen mussten ergo,
dass ich viele Bewohner aus dem Bett reißen musste, auch wenn sie gerne mal etwas länger geschlafen hätten.

Mich hat auch gestört, dass ich von einem Zimmer ins nächste hetzen musste nur um in 1 1/2 Stunden mit 7 Bewohnern fertig zu sein.
An tiefgründige Gespräche oder auch mal Trost meinerseits war da nicht zu denken.
Ich habe mich in der Zeit sehr verändert, ich bin sehr kühl geworden... bis ich mit der Ausbildung anfing.

Da wurde auf Menschlichkeit gepocht und auf Empathie, das war für mich Neuland, es auch anwenden zu dürfen.
Nach der Ausbildung habe ich gemerkt, dass ich so wie vor der Ausbildung nicht mit Menschen umgehen will.
Sie haben mehr verdient als (im wahrsten Sinne des Wortes) abgerichtet zu werden.

Hinter jedem dieser Menschen steckt eine sehr lange Geschichte, die man zu respektieren hat.

Zu den schwierigen Menschen:

Schwierig und schwierig sind zwei verschiedene paar Schuhe, was das Altenheim betrifft.

Ich habe z.B. mal eine äußerst aggressive 96-jährige kennen gelernt,
die aus dem Rollstuhl heraus einen Tisch ohne weiteres durch den Raum schleudern konnte...
Menschen, die schlagen, spucken, kneifen und beißen...
Es gibt auch noch die, die aus Boshaftigkeit die Wände mit Kot beschmieren
oder einfach auf den Boden pinkeln um den Pflegern den letzten Nerv zu rauben.

Im Grunde "böse Menschen", doch auch da gibts einen Anlass zu, den man hinterfragen sollte, wenn man menschlich ist.

Dann gibt es noch die schwierigen Menschen mit z.B. Alzheimer,
die einmal in der Minute ins Dienstzimmer kommen um immer wieder die Gleiche Frage zu stellen.
Oder Menschen die von allen anderen Mitbewohnern der Station die Schrankschlüssel abziehen und verstecken oder welche,
die sich jeden Tag den Blasenkatheder ziehen, weil sie nicht wissen was sie da tun.

Das sind alles so Sachen, wo man sich dran gewöhnt.

Der Schwierigkeitsgrad kommt auf die vorhandene Erkrankung oder auch Behinderung an.

Hat Euch mal ein alter Mensch gesagt, das er sterben möchte?


Ja, sehr oft wurde dieser Wunsch geäußert. Dafür muss man Verständnis aufbringen, es ist aber nicht immer ganz leicht darüber zu reden.
Bei einigen Bewohnern -wo Suizidalität- bekannt war, mussten wir nach solchen Aussagen sofort den Arzt verständigen.

Und ja, auch mit Medikamenten "sind" die meisten ruhig gestellt.
Ich kann Dir aber sagen, dass es teilweise auch gut so ist,
denn ich habe sie auch ohne ihre Pillen erlebt oder wenn sie einmal eine Dosis nicht genommen haben.

Die meisten im Altenheim nehmen schon sehr sehr lange ruhig stellende Medikamente.
Wenn dann mal eine Dosis ausfällt, ist die Hölle los.

Es gab aber auch Fälle, wo die Bewohner nur noch schliefen und sich gar nicht mehr bewegen wollten, da musste es dann niedriger dosiert werden.
Oft kamen sie auch für die Medikamenteneinstellung 2-3 Wochen in die Psychiatrie.


Liebe Grüße.
...und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben...
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Beitragvon Hagazussa » 17. Jun 2008 - 19:14


Sao hat folgendes geschrieben
Das sind alles so Sachen, wo man sich dran gewöhnt.


Ich weiß nicht, ob ich mich an so etwas gewöhnen könnte....

Kann es sein, das man sich irgendwann entscheiden muß?
Entweder geht man an dieser Arbeit zugrunde oder man muß sie mit einem gewissen Abstand sehen.

Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich in so ein Heim müßte...

Ich ziehe meinen Hut vor Euch :zaub:
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Beitragvon eagle » 17. Jun 2008 - 20:38


Oft ist es am besten, man packt sein Gewissen vor Dienstbeginn in den Spinnt und nimmt es hinterher wieder mit nach Hause.

Zum Thema böse/ aggressive Bewohner kann ich nur sagen, teilweise selbst Schuld:
wenn ich hier auf der Station schaue, die haben sich ihr größtes Problem selbst gemacht:- erst den Bewohner verwöhnt, dann wurde nach und nach die Station voll, aber er fordert sich seine Zeit halt ein und ihm ist es egal ob im Nachbarzimmer jemand erstickt, wenn das Personal bei ihm ist, hat es nicht auf die Klingel der anderen 20 Bewohner zu achten.

Ich glaube man stumpft echt ab, aber man kann auch nicht mit jedem mitsterben, man muß sich echt einen gewissen Abstand wahren sonst geht man selbst vor die Hunde.


Da Hilft nur eins: selbst die entsprechende Ausbildung machen und sein eigenes Haus eröffnen.


Sterben:
Mir ist aufgefallen, viele spüren wann der Zeitpunkt gekommen ist, aber keiner nimmt es ernst oder so wie Sao sagt es endet in der Psychatrie.
Und wenn die Leute es dann doch schaffen, dann sind auf einmal alle ganz überrascht, weil es ja GAR KEINE Anzeichen gab das es dem Jenigen schlecht geht.
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Beitragvon Svart-Vinter » 17. Jun 2008 - 21:12


@ Hagazussa,

Man distanziert sich von der ganzen Sache indem man etwas kühl wird oder andersherum.
Jedenfalls lernt man in der Ausbildung, was "Nähe" und "Distanz" bedeutet, was das betrifft.

eagle hat geschrieben:Ich glaube man stumpft echt ab, aber man kann auch nicht mit jedem mitsterben, man muß sich echt einen gewissen Abstand wahren sonst geht man selbst vor die Hunde.


So ist es definitiv.

Und der Tod ist irgendwie immer ein Tabuthema, sei es bei den Bewohnern selbst oder auch beim Pflegepersonal.

Hmmm...


Liebe Grüße.
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