Abschaffung von Schulnoten und Sitzenbleiben

Forum: Geschichte - Politik


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Abschaffung von Schulnoten und Sitzenbleiben

Beitragvon Mike » 31. Mär 2009 - 08:30


Ich lese ja nicht oft in irgend ner Zeitung, aber wenn ich es dann doch tue, stolpere ich über Gehirnfürze wie diese Nachricht:

http://www.welt.de/politik/bildung/article3475324/Schulen-sollen-Noten-und-Sitzenbleiben-abschaffen.html


Glauben realitätsfremde Politiker denn tatsächlich, dass die Abschaffung von Noten die Schüler fördern würde? Es gilt immer noch: Der WETTSTREIT fördert die eigenen Fähigkeiten. Erst der Gedanke, sich mit anderen messen zu wollen, spornt einen an. Was wäre Fußball ohne Zählen von Toren, die Olympischen Spiele ohne Medaillen.

Es gibt nun Mal Schüler, die nicht gut in der Schule sind, dafür aber andere Qualitäten haben. Ausserdem gibt es Schüler, die bis zur 11. Klasse Gymnasium ziemlich bescheiden sind, im Studienleben allerdings aufblühen und nen 1,x-Schnitt hinlegen (davon kenne ich ein paar).
Ich komme mir zwar irgendwie hochnäsig vor, wenn ich das sage: Aber wenn jeder Vollidiot, der lieber kifft und sich die Hucke vollsäuft während der Schulzeit genausoweit kommt wie jemand, der seine ganze Zeit mit Lernen verbringt - wo ist dann noch Sinn und Zweck von SchulBILDUNG?

Für mich ist dieser Artikel nur ein weiteres Zeichen der versuchten Gleichmachung der Menschen. Denn von Förderung individueller Fähigkeiten lese ich gar nichts.
Der Stolz des Philosophen erstarb in mir; der Schmerz des Menschen gewann die Oberhand und das kommende Licht der Sonne erfüllte mich mit Mutlosigkeit.
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Abschaffung von Schulnoten und Sitzenbleiben

Beitragvon Svart-Vinter » 31. Mär 2009 - 12:59


Durchkommen wird der Politiker eh nicht damit, ich denke das Medium Zeitung versucht einfach aus einer Mücke
einen Elefanten zu machen indem das Thema breit getreten wird.

Nicht jeder ist gut in der Schule, das stimmt und nicht jeder empfindet das Thema Schule als Druck, es noch besser als andere Mitschüler zu machen.
Manche vielleicht ja, andere wieder nicht.

Ich finde die Idee des Politikers wirklich schwachsinnig und unüberlegt.

Mal angenommen, es würde keine Noten mehr geben, wie bzw. mit was sollen sich die Schüler dann z.B. im Ausland bewerben?
Anhand von irgendwelchen Beurteilungen kann man nach vielen Jahren auch nicht mehr wirklich nach vollziehen,
wie gut oder wie schlecht der Schüler war und was sich evtl. geändert hat innerhalb von ein paar Jahren.


Viele Grüße.
...und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben...
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Abschaffung von Schulnoten und Sitzenbleiben

Beitragvon Mike » 31. Mär 2009 - 15:04


Was mich nur so wahnsinnig macht ist die Tatsache, dass sie es immer wieder versuchen. Die Idee selbst war ja schon im Gespräch, als ich noch zur Schule ging.

Klar, auch schwache Schüler sollten gefördert werden. Aber wenn ich mir so anschau, wer die "schwachen" Schüler sind, dann bezweifle ich, dass es hilft, Noten abzuschaffen, um diesen Schülern eine Zukunft zu bieten. Vielmehr wäre es ein Nachteil für die Firmen, die sich dann an gar nichts mehr orientieren können.
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Abschaffung von Schulnoten und Sitzenbleiben

Beitragvon Haderlumpin » 3. Apr 2009 - 14:48


Da muss ich mich jetzt mal einklinken, da ich seit geraumer Zeit im Fachbereich Pädagogik mit einem Erziehungswissenschaftler zusammenarbeite, der ebenfalls an einem neuen "Bewertungssystem" ohne Noten arbeitet. ;) In Fachkreisen ist diese Idee (sehr verkürzt gesagt) "Keine Noten, kein Sitzenbleiben mehr" nämlich nicht nur bei einigen wenigen "Durchgeknallten" im Gespräch. Und das hat auch gute Gründe. Dazu kommt, dass ich mit einigen Refrendaren in Kontakt stehe, die mir regelmäßig aus der Praxis berichten können und die vieles, was schon theoretisch kritisiert wird, auch praktisch als hochproblematisch empfinden.

Es mag erst einmal so rüberkommen, als ginge es hier um antiautoritäre Erziehung, Walldorfpädagogik & Co., wo, ebenfalls wieder verkürzt gesagt, die Kinder einfach machen, was sie wollen und jeder irgendwie durchkommt und am Ende einen Abschluss hat. Das ist nicht Sinn und Zweck einer Bildungsreform, wie es sich Erziehungswissenschaftler vorstellen.

Was in erster Linie hochproblematisch an den Noten ist, ist die Theorie, die dahinter steckt. Ich versuche das jetzt in aller Kürze zu umreißen. Noten sollen Leistungen objektiv widerspiegeln und sie vergleichbar machen - Ziel ist die Auslese und Einordnung der Schüler. Das Benotungssystem an sich mag objektiv sein, der Anwender, nämlich der Lehrer bleibt selbstverständlich subjektiv. Das ist aber mehr ein Problem der Empirie generell. Da soll nun mal nicht als ultimativer Kritikpunkt angesetzt werden.

Vielmehr ist es die Orientierung an der sogenannten Gaußschen Normalverteilung, die Noten so unzuverlässig und unfair macht. Lehrerinnen und Lehrer orientieren sich nach wie vor sehr an dieser "Idealverteilung", die eine Glockenförmige Verteilung der Noten vorsieht. D.h. es gibt einen großen Bereich um die Note 3 herum und zu den Extremnoten hin fällt die Kurve steil ab. Zur Veranschaulichung dieses Bild:

Bild

D.h. selbst wenn theoretisch alle Schüler eine 1 oder 2 verdient hätten, da ihre Leistungen entsprechend gut waren, wird dies in den allerseltensten Fällen gemacht, weil es von der Norm abweicht und damit nicht in das aktuelle System passt. Wie ein Refrendarkumpel, der in Bayern an einem Gymnasium lehrt, erst kürzlich berichtete: Fällt eine Arbeit auffallend gut aus, gibt es von der Schulleitung auf den Deckel, denn da "kann was nicht stimmen, das kann nicht sein". Um diese Probleme zu umgehen, passen viele Lehrerinnen und Lehrer von vorneherein ihre Notengebung der Normalverteilung an, ob es nun gerecht ist oder nicht. Selbstverständlich geschieht dies, um der Vermeidung von Nachschreibeklausuren Willen, auch umgekehrt. War die Leistung der meisten Schüler einfach zu schlecht, wird gern auch mal nach oben korrigiert. Das habe ich selbst noch zu meiner Schulzeit erlebt. ;) Das ist ein großes Defizit im Benotungssystem, weil die Zuverlässigkeit dadurch völlig dahin ist.

Dehnt man das ganze weiter aus, so wirkt die Gaußsche Normalverteilung sich auf die Schüler generell aus und das ist auch so gewollt. Schließlich müssen sie auf verschiedene Schulformen verteilt werden. Der Run auf die Gymnasien, der u.a. von den Eltern, die für ihr Kind eben das beste in diesen schweren Zeiten wollen angetrieben wird, muss eingedämmt werden. Wie sagte erst kürzlich ein Erziehungswissenschaftler so schön sarkastisch "Es muss eben auch Verlierer geben". Aber zu den Schulformen und die Idee sie abzuschaffen gleich noch was.

Das Problem ist und bleibt: Noten, wie sie momentan vergeben werden, spiegeln offenbar die Leistungen der Schüler nicht angemessen wider. Nun hat Mike völlig recht damit, dass es einen Wettbewerb geben muss. Was nun aber gefunden werden muss, ist eine Form der Bewertung innerhalb dieses Wettbewerbs, die sich auch tatsächlich an den "Disziplinen" orientiert. Dies kann durch eine Verbesserung des Notensystems geschehen, es gibt aber auch andere Überlegungen.

Es gibt bereits Schulen, die ohne Benotungssystem und ohne Sitzenbleiben arbeiten und in denen Schüler nicht in Klassen, sondern in sehr heterogenen Gruppen zusammenarbeiten. D.h. es ist durchaus möglich, dass ein 8-jähriger mit einem 16-jährigen zusammen an einer Aufgabe arbeitet. Das ganze funktioniert generell (es gibt selbstverständlich noch feine Unterschiede) dadurch, dass es nicht um gute Noten und das Erreichen der nächsten Klasse, sondern um den Erwerb von Kompetenzen geht.

Vorgesehen ist dabei, dass nicht mehr alle Schüler - nach ihrem Alter eingeteilt - in einer Klasse dasselbe lernen müssen, obwohl sie auf einem völlig anderen Niveau sind. So muss z.B. ein Schüler, der die Kompetenz des Einmaleins erworben hat, nicht auf seine langsameren Mitschüler warten, sondern kann sich dann bereits der nächsten Kompetenz zuwenden. Da das ganze in offenen Gruppen stattfindet, ist es möglich, dass er den nächsten Schritt mit anderen Schülern, die schon genauso weit oder weiter sind bearbeitet.

Für Schüler, die beim Erwerb einer Kompetenz einfach mehr Zeit brauchen, fällt der Druck, dass in 2 Wochen ja schon das nächste Thema dran ist und sie dann einfach weitermachen müssen, ohne den Stoff, auf den das Thema aufbaut verstanden zu haben, weg. Sie können in Ruhe mit anderen auf demselben Niveau arbeiten und dabei gefördert werden.

Eine Schwäche in einem Kompetenzbereich, z.B. Deutsch und Englisch, muss für sie keine Sitzenbleib-Falle mehr sein, die sie in ALLEN Bereichen zurückstuft und die damit Leistungen in anderen Kompetenzbereichen, wie z.B. Mathe oder Geschichte, in denen sie evtl. schon sehr weit waren, zunichte macht.

Dabei entsteht schon dadurch ein Wettbewerb, dass nicht alle im Gleichschritt dasselbe bearbeiten, sondern einige schon sehr weit sein können und z.B. mit älteren Schülern arbeiten. Grade den Gedanken, dass Schüler von Schülern lernen und besonders jüngere Schüler durchaus mit älteren zusammenarbeiten, finde ich sehr gut! Es entspricht unserer ursprünglichen (familiären) Lernweise, bei der immer von und zusammen mit unterschiedlichen älteren/erfahreneren Personen gelernt wird. Selbstverständlich kann solch ein System nur dann funktionieren, wenn es von Anfang an greift. Schüler müssen lernen, selbstständig mit dem angebotenen Material umzugehen, andere Schüler um Hilfe zu bitten usw.

Man kann davon ausgehen, dass nicht jeder Schüler die maximale Kompetenz eines Fachs erreicht. Nach wie vor spielen Talente, Vorlieben, Motivation etc. eine große Rolle. Aber es ist davon auszugehen, dass weit weniger Schüler schon bei den Grundkompetenzen aufgrund des zeitlichen Drucks früh Defizite entwickeln und diese immer weiter verschleppen. Und damit kommen wir zurück zu "Es muss eben auch Verlierer geben". "Verlierer" muss es in diesem System eigentlich keine geben. Es wird z.B. Mathematikprofis geben, die in Deutsch und Englisch eben weniger Kompetenzen erwerben konnten. Diesen wird aber nicht mehr durch eine Abschlussnote, die alles über einen Kamm schert, der Zugang zu einem entsprechenden Beruf oder Studium verwehrt.

Für ein Forum wohl viel zu lang, eigentlich aber viel zu kurz, weil nur einige Aspekte und Ideen was die Bildungsforschung angeht, zur Sprache kommen konnten. Ich wollte einfach dazu beitragen, dass hier nicht direkt an das schlimmste Utopia auf Erden gedacht wird, wenn es darum geht, mal vom alten Notensystem wegzudenken. :)

Liebe Grüße
"Dass das Leben Höhen und Tiefen kennt, weiß auch der moderne Mensch, aber in seinen Augen kommt eigentlich nur den Höhen ein Recht auf Existenz zu, die Tiefen haben es verwirkt, ihnen droht die Höchststrafe der Moderne, die Abschaffung und Entsorgung." (Wilhelm Schmid)
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Beitragvon Mike » 18. Apr 2009 - 16:58


So, ich entschuldige mich erstmal für die etwas verspätete Antwort. Aber in letzter Zeit hatte ich wenig Zeit, längere Beiträge zu schreiben/beantworten ;-)

Die Gaußsche Normalverteilung hielt ich immer mehr für ein Gerücht denn für Wahrheit. Einerseits kann ich es nachvollziehen, wieso so ein System verwendet werden soll, andererseits aber halte ich es für mehr als schwachsinnig, den Notenschlüssel zu korrigieren, nur weil ausnahmsweise ALLE Schüler zu gut waren.
Wenn alle Schüler zu gut waren sollte sich der Lehrer lieber überlegen, ob er nicht etwas falsch gemacht hat oder aber, ob die Schüler noch besser gefördert werden können. Wenn sie zu schlecht waren, gilt eigentlich das Selbe.

Dehnt man das ganze weiter aus, so wirkt die Gaußsche Normalverteilung sich auf die Schüler generell aus und das ist auch so gewollt. Schließlich müssen sie auf verschiedene Schulformen verteilt werden. Der Run auf die Gymnasien, der u.a. von den Eltern, die für ihr Kind eben das beste in diesen schweren Zeiten wollen angetrieben wird, muss eingedämmt werden. Wie sagte erst kürzlich ein Erziehungswissenschaftler so schön sarkastisch "Es muss eben auch Verlierer geben". Aber zu den Schulformen und die Idee sie abzuschaffen gleich noch was.


Ich kann mich noch dran erinnern, dass meine Eltern mich unbedingt auf ne Realschule schicken wollten, ich wollte aber unbedingt aufs Gymnasium. Zum Glück, muss ich sagen.
Der Satz "Es muss eben auch Verlierer geben" ist zwar sarkastisch und böse, aber er stimmt nun Mal auch. Kommt aber drauf an, aus welcher Sicht man "Verlierer" definiert. Ist jemand, der die Hauptschule mit Bravour besteht und Handwerker wird ein Verlierer? Wohl eher kaum.

Das Problem ist und bleibt: Noten, wie sie momentan vergeben werden, spiegeln offenbar die Leistungen der Schüler nicht angemessen wider. Nun hat Mike völlig recht damit, dass es einen Wettbewerb geben muss. Was nun aber gefunden werden muss, ist eine Form der Bewertung innerhalb dieses Wettbewerbs, die sich auch tatsächlich an den "Disziplinen" orientiert.
(...)


Der Meinung war ich bereits zu Schulzeiten. Da wurde dieses Modell soweit ich mich erinnern kann in Amerika bereits eingesetzt (ausnahmsweise Mal was Gutes, was aus den Staaten kommt).
Das Fach Mathematik z.B. ist oft ein Knackpunkt, soweit ich mich noch an meine Schulzeit erinnern kann. Ich dachte mir damals schon, dass es nicht schlecht wäre, dieses Fach in 3 unterschiedliche NIVEAU-Klassen aufzuteilen (z.B. Grundlagen, Fortgeschrittene, Experten). Dann könnte man in Mathe in der Klasse 10 Experte und in Englisch evtl. in der Klasse 10 Grundlagen sein. Und wenn man sich empor arbeiten will, könnte man ja evtl. Zusatzkurse belegen.
Ich glaube, so ein System würde wesentlich besser auf die individuellen Fähigkeiten der Schüler eingehen. Intelligente Schüler würden somit nicht unterfordert, wenn der Stoff mehrmals erklärt werden muss, und schwache Schüler werden nicht übergangen, wenn der Zeitplan zum nächsten Kapitel drängt.


Wenn die Bildungswissenschaftler SO ETWAS im Sinn haben, dann hab ich eigentlich keine Probleme. Aber ich habs halt auch schon oft genug mitbekommen, dass es Verschlechtbesserungen gab.
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Re: Abschaffung von Schulnoten und Sitzenbleiben

Beitragvon Thanatos » 19. Apr 2009 - 14:31


Mike hat geschrieben:Es gilt immer noch: Der WETTSTREIT fördert die eigenen Fähigkeiten. Erst der Gedanke, sich mit anderen messen zu wollen, spornt einen an. Was wäre Fußball ohne Zählen von Toren, die Olympischen Spiele ohne Medaillen.


Schule ist aber keine Sportveranstaltung und es gibt genügend Pädagogen die sich dagegen wehren würden, Schule als einen Ort des Wettbewerbs zu sehen. Es gibt durchaus noch den Standpunkt, dass die Schule eben Ort der Bildung und nicht ein Ausbildungsbetrieb ist. Zugegeben, diese Position verliert zunehmend an Einfluss, je mehr die Politik der Wirtschaft den Hof macht und Schulen zu einer Arbeitskräftezuchtanstalt umfunktioniert. Aber Menschen, die ihren Beruf als Erzieher und Lehrer ernst nehmen, sträuben sich dagegen und berufen sich auf Aufklärer und moderne Philosophen, die den Menschen in den Mittelpunkt von Bildung gestellt haben.


Für mich ist dieser Artikel nur ein weiteres Zeichen der versuchten Gleichmachung der Menschen. Denn von Förderung individueller Fähigkeiten lese ich gar nichts.


Es geht bei dem Vorschlag, Noten abzuschaffen, gar nicht um Gleichmacherei. Noten machen "gleich", indem sie jeden Menschen scheinbar in eine Normskala pressen. Ganz im Gegenteil ginge es hier um individuellere Förderung - also um das genaue Gegenteil. Es geht um gleiche Chancen. Nicht Gleichheit. Das ist ein Unterschied.

Zudem, wenn mal einmal akzeptiert hat, dass Noten nicht das abbilden, was sie abbilden sollen, und dafür hat besonders Haderlumpin einige gute Argumente vorgebracht (wobei ich auf die subjektive Komponente bei der Beurteilung deutlich mehr Betonung legen will), wieso sollte man sie dann behalten? Wozu die Aufregung. Fakt ist, dass Noten eine Sicherheit der Beurteilbarkeit und Vergleichbarkeit vorgaukeln, die es nicht gibt. Und wenn man diesen Fehler erkannt hat, dann ist doch die Forderung, diesen Fehler zu beheben, absolut legitim.
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Beitragvon Mike » 19. Apr 2009 - 20:40


Die Schule ist keine Sportveranstaltung, nein. Aber sie soll aufs Leben vorbereiten, und im Leben gilt: Nur wer sich anstrengt und Mühe gibt, erreicht seine Ziele. Natürlich sollte die Schule unabhängig von der Wirtschaft sein und nicht als Brutstätte für neue Arbeiter gelten. Aber die Schule soll eben auch aufs Leben vorbereiten, und im Berufsleben muss man sich auch anstrengen und den Willen besitzen, besser zu sein als andere (was impliziert, dass man seine eigenen Fähigkeiten und Vorzüge weiter entwickelt).

Es geht bei dem Vorschlag, Noten abzuschaffen, gar nicht um Gleichmacherei. Noten machen "gleich", indem sie jeden Menschen scheinbar in eine Normskala pressen. Ganz im Gegenteil ginge es hier um individuellere Förderung - also um das genaue Gegenteil. Es geht um gleiche Chancen. Nicht Gleichheit. Das ist ein Unterschied.


Noten dienen dazu, dass man die Leistung eines Schülers einigermaßen bewerten kann. Insofern kann ich deinen Standpunkt, dass gerade Noten gleich machen sollen, absolut nicht nachvollziehen.
Wenn eine individuellere Förderung (wie in meinem Beitrag geschrieben) stattfinden würde, würde ich das natürlich für besser halten - aber auch hier wird man wohl schlecht ohne Noten auskommen. Man braucht irgendein Maß, an dem man die Leistung des Schülers messen kann. Man gibt ja einem Maurer auch keinen Meterstab ohne Zahlen und Maßeinheit.
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Beitragvon Haderlumpin » 20. Apr 2009 - 19:13


Ist jemand, der die Hauptschule mit Bravour besteht und Handwerker wird ein Verlierer? Wohl eher kaum.


Nein.wie gesagt, der Kommentar sollte so nicht gelesen werden. Es geht um das Problem, dass eine Chancengleichheit oder sagen wir eher eine Zugänglichkeit bzgl. Bildung und Wissen vorgegaukelt wird, die weder tatsächlich besteht noch bestehen könnte. Wie du schon sagst, ein Handwerker ist sicherlich kein Verlierer! Mein Vater ist da für mich das leuchtende Beispiel - aber das nur am Rande. Die Aussage sollte finde ich mehr im folgenden Sinne gelesen werden. Wir brauchen Menschen, die eben keinen universitären Abschluss anstreben, um Kräfte für handwerkliche Arbeiten, kaufmännische Tätigkeiten und und und zu haben. Angesichts dieser Tatsache sollten wir mal aus unseren Elfenbeintürmen der Bildungselite herabsteigen und daran arbeiten, dass dieser "Verliererstempel" - der jedem aufgedrückt wird, der laut unsem Bildungssystem "versagt" - verschwindet. Ein Bewertungssystem, das nach Kompetenzen und nicht nach dem Notenschnitt geht, wäre ein Schritt in diese Richtung.

Man braucht irgendein Maß, an dem man die Leistung des Schülers messen kann. Man gibt ja einem Maurer auch keinen Meterstab ohne Zahlen und Maßeinheit.


Das sind die berühmten Äpfel und Birnen. ;) Es dürfte doch auf der Hand liegen, dass so etwas komplexes wie Wissen, Bildung, m.M.n. auch Intelligenz nicht so leicht messbar ist, wie die Länge eines Objekts oder einer Fläche. Um letzteres zu tun, gibt es Instrumente wie eben den Meterstab, die unabhängig vom Beobachter - sieht man vom abweichenden Anlegen des Stabs - eine Größe immer in derselben Form wiedergeben. Gerne wird vorgegaukelt, dass Noten das auch tun, ja. Aber wie oben schon anhand der Gaußschen Normalverteilung gezeigt, ist die Messung sehr willkürlich und im Gegensatz zum Meterstab ungleich komplizierter und beobachterabhängiger.

Noch fix ein interessanter Artikel zum Thema: http://www.faz.net/s/Rub1A09F6EF89F.Tpl ... ntent.html
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Re: Abschaffung von Schulnoten und Sitzenbleiben

Beitragvon Thanatos » 20. Apr 2009 - 20:35


Mike hat geschrieben:Die Schule ist keine Sportveranstaltung, nein. Aber sie soll aufs Leben vorbereiten, und im Leben gilt: Nur wer sich anstrengt und Mühe gibt, erreicht seine Ziele. ... Aber die Schule soll eben auch aufs Leben vorbereiten, und im Berufsleben muss man sich auch anstrengen und den Willen besitzen, besser zu sein als andere (was impliziert, dass man seine eigenen Fähigkeiten und Vorzüge weiter entwickelt).


Die Schule soll auf das Leben vorbereiten, so weit sind wir uns einig. Allerdings gehst Du offenbar von einem sehr stark karriere-orientierten Leben aus. Das ist eine Setzung. Eine willkürliche. Eine die naheliegt, wenn man sich die ökonomische Dominanz im rezenten Denken ansieht. Das macht die Setzung aber nicht unwillkürlicher. Was Schüler mit ihrem Leben anfangen, ist Sache der Schüler. Die Schule hat die Aufgabe, Schüler darauf vorzubereiten, dass sie ihr Leben und ihre Zukunft frei gestalten können. Die einen sehen ihre Zukunft in einer leistungsorientierten Karriere, andere in sozialem Engagement, wieder andere zuhause am Herd und/oder bei den Kindern (ja, sowas gibt es auch in unserer Zeit noch ganz freiwillig). Sofern Schüler die Schule mit der Befähigung verlassen, für sich selbst Sinn zu setzen und ein Leben nach ihren persönlichen Vorstellungen zu führen, hat die Schule - zumindest in meinem Verständnis - ihr Ziel erreicht. Was Noten (zumal in ihrer aktuellen Form) hier leisten können, vermag ich ehrlich gesagt nicht zu bestimmen.

Noten dienen dazu, dass man die Leistung eines Schülers einigermaßen bewerten kann. Insofern kann ich deinen Standpunkt, dass gerade Noten gleich machen sollen, absolut nicht nachvollziehen.


Notenskalen gehen in der Regel von einem Bezugspunkt aus. Wir kennen dabei drei primäre Bezugssysteme: das individuelle, das soziale und das objektive Bezugssystem. In der Schule dominieren dabei vor allem das soziale und das objektive System, d.h. die Leistung eines Schülers wird mit der Leistung anderer Schüler - zumeist den Klassenkameraden - oder aber anhand eines sachlich-unabhängigen Maßstab verglichen. In beiden Fällen machen Noten gleich: Vergleicht man Schüler miteinander, so gelangt man zu dem Ergebnis: Schüler A läuft die 100m 2sek langsamer als Schüler B. Er erhält dafür nur eine zwei in der Leistungsüberprüfung, während Schüler B die eins erhält. Diese Beurteilung erfolgt auf der Annahme, dass Schüler A ja genau so schnell hätte sein können, wie Schüler B, wenn er sich mehr angestrengt, mehr trainiert, mehr Willen gehabt hätte. Die genaue Ursache für eine schlechtere Leistung lässt sich oft nicht eindeutig ermitteln. Von Bedeutung ist hier aber die grundsätzliche Annahme, dass alle Schüler im Prinzip gleich schnell sein müssten. Angesichts unterschiedlicher biologischer Entwicklungsgeschwindigkeiten, sozialer Hintergründe, Interessen, Motivationen, usw usf. eine echt wahnwitzige Vorstellung.

Ähnliches, in einem eigentlich noch viel schlimmeren Maßstab, gilt für den sogenannten "objektiven" Wertmaßstab, der oft nichts anderes ist, als ein verschleierter "sozialer", weil die objektiven Kritikerien nicht selten aus einer statistischen Erhebung einer bestimmten Probandengruppe ermittelt werden. Das wäre dann noch der harmlose Fall. Noch schlimmer wird es, wenn etwa biologische Entwicklungstheorien für eine Maßstabsbildung herhalten müssen oder naturwissenschaftliche Ableitungen. In solchen Fällen wird dann von einem "Normmenschen" gesprochen, von dem aus dann die Einzelleistungen bewertet werden. "Ein 13-jähriger Junge sollte dazu in der Lage sein. . .".

Eine andere Form des "objektiven" Maßstabs ist die klare Möglichkeit richtig/falsch einer Antwort zu bewerten, etwa im Sinne 2+2=4. Diese Form des Maßstabs ist nur sinnvoll bei reinen Sachinformationen oder einfach strukturierten, leicht operationalisierbaren Fähigkeiten. Man spricht auch von den "Hard Skills", also etwa: eine Subtraktion zum richtigen Ergebnis führen, wissen, dass die Frz. Revolution 1789 stattfand, die Abfolge der Argumente von Aristoteles zur Unsterblichkeit der Seele im "Phaidon" korrekt wiedergeben. Diese Art der Leistung ist eine rein reproduzierende. Wer nur Automaten züchten will, der begnügt sich auch gern mit dieser Form des "Lernens von Hard Skills". Nur ist das Ziel von Schule eben NICHT die reine Vermittlung von "Hard Skills", sondern es sollen zunehmend "Soft Skills" gefördert werden, d.h. z.B.: Sachverhalte beurteilen, kritisch Stellung beziehen, in einer Kleingruppe zusammenarbeiten, andere respektieren, sich in sie hineinversetzen, Empathie entwickeln, usw. usf. Ich könnte hier ganze Listen dieser Tätigkeiten erstellen. Wer sich dafür interessiert, sollte mal in einen der neuen Kernlehrpläne des Landes NRW schauen. Die zu erreichenden Kompetenzziele verteilen sich dort zumeist auf 3 oder 4 Kompetenzfelder, von denen in der Regel nur ein bis zwei zu den "Hard Skills" zu zählen sind, und dort auch nur als "untere Kompetenzstufen" klassifiziert werden. Was heißt das für die "Gleichmacherei"? Soft Skills, das hat man inzwischen eingesehen, lassen sich nur schwer bis gar nicht operationalisieren und dementsprechend schwer beurteilen, objektiv, also ein der einen richtigen Lösung orientiert wirds dann nochmal unmöglicher.

Ich denke, mein Punkt sollte nun klar geworden sein: Noten machen gleich indem sie "vergleichen", indem sie von gleichen Voraussetzungen, Entwicklungen, Hintergründen, Möglichkeiten, Interessen, Geschwindigkeiten, usw. ausgehen und diese dann in Relation zu dem tatsächlich erreichten Messergebnissen setzen. Das ist das klassische "Es gibt DEN Menschen" der prä-existentialistischen Jahrhunderte. Die Wendung hin zum Subjekt, in der Existenzphilosophie spätestens in der Mitte des 20. Jh. endgültig vollzogen, ist in der Schule leider noch nicht völlig angekommen. Denn dann würden wir endlich eingestehen: "Es gibt nicht DEN Menschen, sondern es gibt nur Thomas, Arne, Marie, Leonie, usw. Es gibt nur Menschen."

Es gibt nur einzelne Menschen; die Ideale, die wir uns konstruieren sind nichts weiter als leere Hüllen, mit denen wir uns das Leben selber schwermachen. Die einzelnen Menschen bedürfen der individuellen Betreuung und eines individuellen Bildungsweges mit individueller Förderung ihrer spezifischen Fähigkeiten, um sinnvolles Leben zu ermöglichen. Genau dies ist aber im gegenwärtigen Schulsystem gar nicht vorgesehen, weil es noch immer dort steht, wofür es im Anfang erschaffen wurde: Arbeiter, Produktivkräfte heranzuzüchten, und zwar im Massenbetrieb und am besten bitte normiert und in allen Punkten vergleichbar, damit die Wirtschaft und Industrie fein sieben können. Das hat mit menschlicher Selbst-Verwirklichung nix zu tun.

Mit der Selbst-Verwirklichung verschwindet dann im Übrigen auch der "Verlierer"-Stempel, denn wer sind wir eigentlich, uns anmaßen zu können, über den Un-Wert eines anderen Menschen urteilen zu können? Die Frage, ob ein Handwerker mehr "Wert" ist als ein Akademiker oder nicht, ist die blanke Perversion des menschlichen Denkens! Soweit hat uns die Ökonomie schon! Der Mensch hat doch keinen Wert, er ist doch keine Sache! Er ist ein Mensch und hat als solche Würde, keinen Wert. Ein würdevolles Leben ist ein sinnerfülltes Leben, ob es das eines Handwerkers, eines Bauern, das eines Akademikers oder das eines Einsiedlers ist, das ist mit Verlaub, völlig egal.


Und so endet mein Plädoyer.
Nebenbei: Der Schulbetrieb hat heute wieder angefangen, was u.U. die Frequenz meiner Beiträge senken wird. Womit ich mich so ganz nebenbei mal als Lehrer enttarne. ;)
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Abschaffung von Schulnoten und Sitzenbleiben

Beitragvon Haderlumpin » 20. Apr 2009 - 21:16


:gut:

Deine 'Enttarnung' erklärt mir nun auch ein Stück weit, warum mich deine Beiträge so an einen Freund erinnern. Er ist auch (angehender) Lehrer. ;)
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